Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

29JUN2020
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Der folgende Satz hat mich ziemlich überrascht:

"Wir müssen so lange aufeinander zugehen, bis wir das Ziel erreicht haben: eine Gemeinschaft, in der wir alle einzigartig sein können und doch gleich sind." Thilo Cablitz, Pressesprecher Polizei Berlin. 

Dieser Satz könnte in einem Lehrbuch für den Religionsunterricht stehen. Weil er kurz und knapp das zusammenfasst, was die Bibel am Anfang über den Menschen aussagt. Jeder Mensch ist einzigartig und wir sind alle gleich, weil wir nach Gottes Ebenbild geschaffen sind. Gesagt hat den Satz aber der Pressesprecher der Berliner Polizei. Thilo Cablitz. Cablitz ist mitten in Berlin in einer Familie und einem Umfeld aufgewachsen, in dem Vielfalt normal war. Hautfarbe, Religion, Kultur - keine Frage. Die Mutter aus Berlin, der Vater aus dem Sudan. Mit der Schulzeit war es aus mit der Normalität, für den dunkelhäutigen Lockenkopf. Und er hat einen Namen bekommen, der deutsch genug klingt. Vor Vorurteilen hat ihn das nur wenig geschützt. Auch nicht, als er bei der Polizei seine Laufbahn angefangen hat. Schubladendenken war an der Tagesordnung. Aber nicht nur. Und im Rückblick ist es nicht das, was ihn geprägt hat. Sondern das Gegenteil. In einem jüngst veröffentlichten Artikel schreibt er: Mit all diesen Erfahrungen stand mein vielleicht naiver, aber meines Erachtens idealistischer Entschluss fest: Ich wollte Menschen helfen, sie schützen. Ich wollte Hass bekämpfen. Ich wollte den mir möglichen Beitrag leisten, um Gerechtigkeit walten zu lassen. Ich wollte das verteidigen, wofür unsere demokratische Gesellschaft eigentlich steht – die unantastbare Würde aller Menschen.[1]

Vorbehalte, Ablehnung wegen der Hautfarbe, Rassismus. Das gibt es auch in Deutschland. Bis hinein in die Polizei. Das weiß Cablitz aus eigener Erfahrung. Und es gibt jetzt eine breit geführte Debatte dazu. Das ist richtig und gut so. Weil es immer falsch ist, einen Menschen zu beurteilen oder gar zu verurteilen, ohne ihn richtig kennengelernt zu haben. Ohne zu wissen, wer er ist und warum er ist, wie er ist. Vorurteile sind menschlich und normal. Aber sie greifen zu kurz und es ist falsch, an ihnen hängen zu bleiben. Darauf weist der erste Artikel unserer Verfassung hin. Und dieser deckt sich mit der grundlegendsten Aussage, die die Bibel über den Menschen macht. Dass es diese Übereinstimmung in einer so wichtigen Frage gibt, das beruhigt mich und es macht mich froh, in einem Land zu leben, in dem ein Polizist so denkt.

 

[1]Spiegel-Panorama 13.6.2020

https://www.spiegel.de/panorama/person-of-color-und-polizist-mein-leben-passt-in-keine-schublade-a-a085e059-d0c8-4e0e-a106-0b2aea08ddc7

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31192