Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

22MAI2020
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Die Corona Epidemie lässt nach! Allmählich löst sich die Erstarrung. Wie gut ist das. Doch wie geht es weiter? Etwa wie bei Dornröschen – mit einer Ohrfeige? Da – so wird im Märchen erzählt – haut der Koch seine ausgestreckte Hand, die 100 Jahre lang erstarrt war, dem Küchenjungen ins Gesicht. Geht es bei uns auch mit Ohrfeigen weiter? Ohrfeigen für Schuldige, die man sucht und meint, gefunden zu haben?

Viele Mythen, die jetzt in der Krise wie Pilze aus dem Boden schießen, scheinen mir genau das zu tun. Und darin stimmen sie überein: Sie suchen für die Übel der Welt auf einfache Weise Schuldige. Ganz gleich ob es eine Pandemie, der Klimawandel oder Flüchtlingsströme sind. Schuld sind fremde Mächte – personifizierte oder unpersönliche. Das Kapital. – Die Wissenschaft. – Die Politik. – Der Staat. – Die Kirche. Oder eben: Die Reichen. Die Politiker. Die Wissenschaftler. Der Papst.

Immer haben angeblich »Böse Mächte« Gewalt über mich und die ganze Welt. So wird phantasiert, Angst geschürt und werden Schuldige gefunden. Die da! Nur nicht selber Verantwortung übernehmen. Nur nicht hinschauen und prüfen: Was sind meine, was sind unsere Anteile an der Krise und ihrer Bewältigung? Was kann sich bei uns und in diesem Land, was kann sich bei mir und in meinem Leben in Zukunft ändern?

Genau dahin soll Gottes Geist führen. So steht es in der Bibel: „Gott hat euch nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe, und der Besonnenheit“ (2. Tim 1,7) Weg von Furcht und Angst – hin zu Besonnenheit und Liebe. Mit Besonnenheit ist hier ausdrücklich auch unser Verstand gemeint. Klares Denken und Abwägen. Keine Panikmache!

Also klar durchdenken und argumentieren, was nun zu tun angemessen und geboten ist. Das – finde ich – und so höre ich es von vielen – ist jetzt eine große Chance. Mit all den Erfahrungen von Einschränkungen der letzten zwei Monate überlegen:
Was geht weiter – und was geht nicht mehr so weiter – was soll anders werden? Wie wichtig sind mir Medizin und gesunde Nahrungsmittel? Wie wertvoll sind menschliche Kontakte – Besuche und Begegnungen? Was brauche ich wirklich?

Mich hat diese Szene am Dornröschen Märchen schon als Kind gestört: Dass der Küchenjunge doch noch eine runter gehauen bekommt. Warum muss sogar nach 100 Jahren Krise alles einfach nur so weitergehen. Nach so langer Krise sollte sich doch etwas ändern.

Wenn im Bibelwort der „Geist der Kraft“ zugesagt wird, dann ist damit die göttliche Kraft gemeint, die Jesus neu zum Leben erweckt hat. Mit diesem Geist können wir neue Wege gehen – ohne Furcht und Zittern. Miteinander und nicht gegeneinander.

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