Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

20MAI2020
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Wonnemonat – so hat man früher etwas blumig den Mai genannt. Die kalte und dunkle Jahreszeit ist endgültig vorbei, alles treibt, wächst, blüht. Der Hormonspiegel hebt sich und mit ihm die Laune. So erleben es viele. 

Aber nicht alle. Längst nicht alle. Denn traurig oder beschwert kann man zu allen Jahreszeiten sein. Anlässe dazu gibt‘s ja immer. Und außer der kollektiven Krise, die wir gerade erleben, gibt es ja auch persönliche Krisen, die keine Rücksicht auf Jahreszeiten nehmen. Aus der Begleitung von trauernden Menschen weiß ich, dass viele gerade den Frühling als sehr zwiespältig erleben. Die Natur blüht nur für sich selbst, völlig unbeeindruckt von persönlichem Schmerz. Dazu kommt, dass das Frühjahr als die schönste Jahreszeit gilt, die gewissermaßen von selbst Laune macht und Lebensfreude weckt. Menschen, die trauern oder niedergeschlagen sind, fühlen sich dadurch auch noch unter Druck gesetzt. Und werden in ihrer Trauer noch einsamer. 

Aber sind denn alle anderen gut drauf? Nein, weiß Gott nicht. Der Mann, dessen Ehe gerade geschieden wurde, sieht nur Pärchen durch den Park gehen. Und die Frau, die sich schon so lange ein Kind gewünscht hat, sieht nur schwangere Frauen und süße Babys. Es gibt viel Trauer, die Menschen in sich tragen. Und der Mai, der scheint nicht nur die Freude zu verstärken, sondern auch die Trauer. 

Überhaupt fühlt sich jetzt Vieles viel intensiver an. Auch unsere Sehnsucht. Nach Menschen, die wir vermissen. Nach einem Leben, das wieder unbeschwerter ist. Das satt ist und prall und wirklich lebendig, und das zu dem passt, was die Natur uns gerade vor Augen führt. 

Wenn ich aber bei meiner Sehnsucht bin, dann bin ich auch bei meiner Hoffnung. Als Christin glaube ich, dass meine Sehnsucht kein blindes Gleis ist. Sie verheißt mir, dass da mehrist, als ich jetzt gerade spüre und sehe. Dass ich gehalten bin von einer großen, liebenden Hand, so stelle ich mir Gott am liebsten vor. Darin hat alles Platz, was ich mit meinenHänden nicht halten kann. Nicht festhalten und nicht aufhalten. Alles Schöne und alles Zwiespältige, alle Menschen, die den Frühling genießen und die anderen, die er eher traurig macht. Jetzt, im ‚Wonnemonat‘ Mai. Und ebenso in jeder anderen Zeit.

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