Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Seit drei Monaten trainiere ich schon für einen Halbmarathon. Einundzwanzig Kilometer quer durch die Stadt. Vor zehn Tagen dann die Nachricht: Der Gutenbergmarathon in Mainz fällt aus. Ich muss da immer noch dran knabbern. Ich habe mich auf diesen Tag gefreut. Bin drei- oder viermal in der Woche Laufen gegangen. Hab an meiner Kondition gearbeitet. Jetzt scheint das alles umsonst.

Ich halte die Maßnahmen rund um Corona für sinnvoll und richtig. Da vertraue ich den Wissenschaftlern und Expertinnen. Ich tue mich trotzdem schwer mit Situationen, in denen ich die Kontrolle verliere. In denen mir andere sagen, was ich darf und was nicht. In denen ich nicht selbst bestimme, was geht und was nicht. So wie beim Halbmarathon, der abgesagt wird.

Aber ich erinnere mich daran, dass es in vielen Situationen des Lebens auch nicht nach meinem Kopf geht. Ich entscheide nicht darüber, ob ich geboren werde. Mein Tod kommt, ob ich das will oder nicht. Ich werde krank, das Schicksal schlägt zu. Alles ohne mein Einverständnis. Ich merke: Ich kann oft genug gar nicht selbstbestimmt handeln. Und dann muss ich mich einstellen auf das, was einfach da ist. Muss mich arrangieren. Das ist besser als jammern oder wütend sein. Denn dadurch ändert sich auch nichts.

Also suche ich nach neuen Wegen, wie ich meine Ziele vielleicht anderes als geplant erreichen kann. Deswegen habe ich mir vorgenommen: Ich trainiere weiter. Und werde meinen Halbmarathon laufen. Allein oder dann, wenn es wieder möglich ist.

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