Manuskripte

SWR3 Gedanken

Kurz vor dem neunten November. 1938 brennen an diesem Tag die jüdischen Synagogen. Unfassbar bis heute. Umso schlimmer. In diesem Jahr werden wir beim Gedanken an Hass gegen Juden auch an Halle erinnert. Das Attentat ist etwa einen Monat her. Ein junger Deutscher geht auf die Straße. Schwer bewaffnet. Er will töten. Gezielt Juden und Jüdinnen. Das gelingt nicht, aber zwei Menschen sterben. Noch dazu an dem Tag, an dem der wichtigste jüdische Feiertag begangen wurde. „Jom Kippur“, Versöhnungstag. Früher hat man die Sünden des Volkes symbolisch auf einen Bock geladen, ihn in die Wüste getrieben und damit alle Schuld vertrieben. 

Im Alten Testament wird von diesem Brauch erzählt. Jüdische und christliche Gemeinden haben diese Texte ja gemeinsam. Sie lesen beide darin. Jesus war Jude. Es ist ein Gott, an den wir glauben. Doch „der Jud“ wurde von Christen zum Ungläubigen gemacht und selbst zum Sündenbock. Bis heute. Erschreckenderweise. Dabei wissen wir um den Millionenfachen Mord an den Juden, wissen, wie es endet, wenn Hass und Rassismus beginnen. Es ist ein Geschenk, dass Jüdinnen und Juden wieder mit uns leben. Sie dürfen nicht wieder um ihr Leben bangen müssen. 

Unsere jüdischen Schwestern und Brüder sollen nicht aus Deutschland vertrieben werden. Sie sollen sich zeigen können, Kippa tragen, ohne Angst Feste feiern. Dafür will ich eintreten. Glücklicherweise bin ich nicht allein. In vielen Städten sind Menschen aus Solidarität auf die Straße gegangen – ob jüdisch, christlich, muslimisch oder ohne Religion. Alle haben gegen den Hass angesungen. Hevenu schalom alejchem. Ein jüdisches Lied: Wir wünschen Frieden euch allen. Es ist ein Kanon. Ein Rundgesang. Ich wünsche mir, dass wir weiter singen. Solange bis es wahr wird: Hevenu schalom alejchem.

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