Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Vor kurzem hatten wir Familientreffen. Unterschiedliche Generationen und unterschiedliche Lebenskonzepte prallen da auf engstem Raum aufeinander. Ein heikles Terrain ist das manchmal. Am Ende ist alles mal wieder gut gegangen.

Die Bibel berichtet von einem solchen Treffen in der Familie von Jesus. Seine Familie beschließt da: Wenn er nicht zu uns kommt, kommen wir zu ihm. Man macht sich gemeinsam auf: Maria, seine Mutter. Und seine Geschwister. Sie finden ihn da, wo er sich am wohlsten fühlt. Inmitten der Menschen. „Du, Deine Familie wartet draußen auf dich!“, raunen ihm wohlmeinende Menschen zu. Jesus schert sich nicht darum. Er schaut die Menschen um ihn herum an. Dann sagt er: „Meine Familie – die seid ihr alle hier. Wie Mutter und Geschwister seid ihr für mich!“ (Markus 3,34)

Das sitzt! Der Riss - so mein erster Gedanke – wird er überhaupt je wieder ganz zu kitten gewesen sein? Und ich frage ich mich schon: Warum reagiert dieser Jesus so ungehalten, wenn es um seine Familie geht. Ehrlich gesagt: Dieser schroffe Jesus befremdet mich hier. Ich versuche, mich darauf einzulassen, dass er dennoch recht haben könnte. Denn, so verstehe ich ihn: Es geht um die rechten Prioritäten. Auch die Pflege familiärer Beziehungen muss da manchmal einfach zurückstehen. Vielleicht ist es das, was Jesus meint. Sicher ist: Meine Überzeugungen darf ich nicht dran geben nur um des lieben Friedens willen. Und es sind ja nicht nur die Menschen, die zu meiner näheren Verwandtschaft gehören, die mir ganz wichtig sind. Weil ich spüre, wir haben gemeinsame Themen und Überzeugungen. Den Willen Gottes tun, nennt das Jesus, wenn ich mich eher von der Wahrhaftigkeit leiten lasse als von der Rücksicht auf verwandtschaftliche Bindungen. Da kann ein Konflikt manchmal durchaus klärend wirken. Jesus hat die engen Beziehungen zu seiner Familie, vor allem zu seiner Mutter, trotz des Konfliktes hier jedenfalls nicht verloren.

Nein, ich möchte meiner Familie nicht den Abschied geben. Dafür hänge ich an den meisten viel zu sehr. Aber gerade die nachfolgenden Generationen meiner Familie, Kinder, Enkel, sie lehren mich: Ich gehöre immer auch noch zu einer anderen Familie. Der großen Familie der Menschheit. Und da warten auch noch große Aufgaben auf mich.  Und die familiären Beziehungen brechen nicht gleich auseinander, nur weil ich meine Prioritäten anders setze. Und meinen Blick weite.

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