Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Müssen wir Angst vor dem Islam haben? Angst davor, dass diese Religion unsere Kultur vereinnahmt, unsere Werte bedroht oder gar zerstört?

Immer wieder wenn meine Kollegen und ich für Toleranz gegenüber dem Islam werben, bekommen wir Mails, die von Angst oder Ablehnung gegenüber Muslimen geprägt sind. Woher kommt das? Großzügig geschätzt sind fünf Prozent der Menschen in Deutschland Muslime. Ich stelle mir also vor, ich sitze in einer Gaststäte mit 100 Menschen. 5 davon sind Muslime. Wie könnte ich da Sorgen haben, dass sie die anderen 95 Menschen beeinträchtigen oder gar beeinflussen könnten? Woher dann die Angst vieler Menschen dass das doch so sein könnte? Vielleicht, weil manche der muslimischen Lebensweisen so auffällig in schroffem Gegensatz zu unseren stehen? Die Burka etwa, das Kleidungsstück das den ganzen Körper einer Frau verschleiert, auch das Gesicht. Wenn ich sie nochmal auf mein Bild mit den 100 Menschen in der Gaststätte beziehe, dann müssen die restlichen 95 zwar auch keine Angst vor einer vollverschleierten Frau haben. Aber sie fällt dermaßen auf, dass sich ihre Wirkung potenziert. Und ein ungutes Gefühl erzeugen kann, wenn man so gar nichts von einem Menschen sieht. Vor allem ist ihre Wirkung aber so stark, weil sie im sichtbaren Gegensatz zu einem der Bereiche steht, die unsere Kultur ausmachen: die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Nach christlichem Glauben sind beide gottesebenbildliche Geschöpfe, die ihre je eigene Würde haben. Darum widerspricht die Vollverschleierung von Frauen auch unseren Grundwerten. Denn das Gesicht eines jeden Menschen ist Ausdruck seiner Person und damit seiner Würde. Für einen selbst und im Umgang mit den Mitmenschen. Und wie soll ich einen Menschen kennenlernen, ihn verstehen oder schätzen, auch und gerade in seiner Andersartigkeit, wenn ich ihm nicht von Angesicht zu Angesicht begegnen kann…?

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