Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an, mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran…..“ dieses Lied von Udo Jürgens hab ich immer als einen Mutmacher empfunden. Nicht ganz realistisch, aber sympathisch trotzig. Dass da aber echt was dran sein könnte, hab ich durch den Artikel eines amerikanischen Psychologen erfahren. Er heißt Carl Rogers und beschreibt darin seine Erfahrungen zwischen seinem 65. und 75. Lebensjahr. Und die find ich so schön und ermutigend, dass ich gern davon erzählen möchte. Also, natürlich hat Carl Rogers auch beschrieben, dass seine Kräfte nachgelassen haben und dass er vieles nicht mehr so tun konnte wie früher. Aber zu Gartenarbeit und Wanderungen hat es ihm immer noch gut gereicht. Auch seine Sexualität war nicht verschwunden, sie war nur anders, aber nicht weniger schön als in jüngeren Jahren. Mit die wichtigste Erfahrung in seinem Lebensjahrzehnt zwischen 65 und 75 war es für Rogers zu lernen, sich zu öffnen und neue Dinge zu erfahren. Weil für ihn lebendig sein bedeutet hat, Wagnisse einzugehen. Und weil Veränderung Leben ist. Ohne sich zu verändern hätte er sich als lebende Leiche gefühlt, hat er gesagt. Teil dieser Lebendigkeit waren aber auch stärkere Gefühlsschwankungen. Es war bei ihm überhaupt nicht so, dass er im Alter ruhiger und abgeklärter geworden sei. Er wurde empfindlicher, die Gefühle wurden stärker und gingen rauf und runter. Aber dadurch konnte er auch mehr Nähe zu sich selbst und zu Anderen zulassen. Wo er sich doch als Psychotherapeut doch jahrzehntelang mehr um Andere gekümmert hat. So wurden diese 10 Jahre zwischen 65 und 75 erfüllte Jahre für ihn. Ja, sogar das befriedigendste Jahrzehnt seines Lebens, wie er es genannt hat. Weil er  immer mehr fähig wurde, er selbst zu sein und genau das auch zu genießen. Damit sei er an Jahren zwar alt geworden, aber innerlich jung geblieben. Wörtlich beschreibt Carl Rogers das so: „Als kleiner Junge war ich ziemlich kränklich und, wie meine Eltern erzählten, wurde mir vorausgesagt, dass ich jung sterben würde. Diese Prophezeiung hat sich in einem Sinn als völlig falsch erwiesen, aber in einem anderen Sinn hat sie sich bewahrheitet. Ich glaube es stimmt: Ich werde nicht alt werden, ich werde jung sterben.“

  

Quellenangabe: Aus Greifbuch, Lesen beflügelt, dtv Klett-Cotta, gekürzt

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