Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Häuser sprechen. Zuerst in ihrer Sprache der Architektur, manchmal aber auch, weil was dran steht, für jeden lesbar, der am Haus vorbeikommt. Im Urlaub habe ich das gelesen:
„Wider Gesetz und Gewissen handeln, thut Gottes Segen in Fluch verwandeln.“

Der Spruch steht an einem sehr repräsentativen großen Gebäude in der alten Hansestadt Riga. Das Haus selbst zeigt überdeutlich, hier wurde Geld verdient und die Bewohner waren überzeugt, unser wirtschaftlicher Erfolg ist Zeichen von göttlichem Segen: ‚Hier leben und arbeiten, mit Gottes Segen, freie erfolgreiche Kaufleute‘, sagt dieses Haus.

Ursprünglich ist es aus dem Mittelalter. Von damals ist wohl auch der Spruch, „Wider Gesetz und Gewissen handeln, thut Gottes Segen in Fluch verwandeln.“

Erstaunlich finde ich, hier spricht Kaufmannstolz, aber man setzt auch der eigenen Selbstverwirklichung Grenzen: Wirtschaftlicher Erfolg heiligt nicht alle Mittel.

Spannend finde ich zudem, es ist eine doppelte Grenze gesetzt: „Gesetz und Gewissen.“ Also nicht nur staatliche Ordnung begrenzt. Es ist ja auch noch kein besonderes Zeichen von Freiheit, wenn man sich an Gesetze hält.

Auch ihr Gewissen sollte die Rigaer Kaufleute bestimmen in ihrem wirtschaftlichen und sozialen Tun. Da erst beginnt dann Freiheit wirklich. Wenn man Dinge tut oder auch sein lässt, aus Gewissensgründen. Selbst um den Preis, dass man dann nicht alles rausholt, was möglich wäre. Das ist Freiheit.

Ein hoher Standard, den die Rigaer Kaufleute sich gesetzt haben. Aber ich finde auch ein zunehmend aktueller.

Was sagen Häuser, die heute bei uns gebaut werden? Firmenzentralen, Bankgebäude oder Häuser von „wichtigen“ Menschen usw.? Von Geld und Erfolg erzählen viele, auch von freier Selbstbegrenzung? Warum sind die meisten neuen Bürogebäude immer noch Glaspaläste? Warum setzen sie eher selten auch nach außen sichtbare ökologische Zeichen? Sagt das etwas über das ökologische Gewissen, der Firmen, der Ministerien, der Bauherren?

Vielleicht können wir ja was von den Rigaer Kaufleuten abgucken: Nachhaltiges Wirtschaften und Handeln braucht Menschen mit Rechtsempfinden und Gewissen. Und frei sind wir nicht schon, wenn wir tun, was Gesetz geworden ist. Frei ist man, wenn man seinem Gewissen folgt, weil das oft schon längst weiß, worauf wirklich Segen liegt.

Häuser können sprechen. Aber Wohnungen auch: Was sagt meine Wohnung? Erzählt sie zum Beispiel von meinem ökologischen Gewissen? Bin ich so frei? Das große Haus in Riga verspricht, wenn man seine Selbstverwirklichung begrenzen kann, darauf liegt Segen.

 

 

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