Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Ein Friseur hat mir mal gesagt, es gebe keine einzige Frau, die mit ihren Haaren zufrieden ist. Jedenfalls kenne er keine. So ist er den größten Teil des Tages damit beschäftigt, aus lockig glatt und aus glatt lockig zu machen, aus braun platinblond und aus aschblond hennarot oder tiefschwarz. Und wenn die Haare ausnahmsweise mal so sind, wie frau sie möchte, dann kann sie ja mit der Figur weitermachen. Im Sportstudio zum Beispiel. Denn es geht längst nicht mehr nur darum, abzunehmen, ein Körper muss heute 'definiert ' werden. Ganz bestimmte Muskelpartien werden durch intensives Training so geformt, dass man oder frau irgendwann aussieht wie eine antike Statue, vielleicht auch wie ein Bodybuilder.

Mag sein, dass es Menschen gibt, die dann wirklich mit sich zufrieden sind und sich gut fühlen. Ich habe aber den Verdacht, dass dieses 'Spiel' nie wirklich zu gewinnen ist. Und vor allem nicht dauerhaft. Immer werde ich irgendwas finden, das ich ändern oder perfektionieren muss, um so zu sein, wie ich mir mich vorstelle. Ich habe als junges Mädchen davon geträumt, ebenmäßig gebräunte Haut zu haben, das war damals besonders schick. Das Einzige, was ich erreicht habe, war ein Sonnenbrand, der sich mir nicht nur in die Haut, sondern auch in die Erinnerung eingebrannt hat. Braun zu werden jedenfalls werde ich für den Rest meines Lebens nicht mehr versuchen. Und auch manches andere hat sich im Lauf der Jahre und Jahrzehnte relativiert. Nicht dass ich heute überhaupt nicht mehr an mir arbeite, aber ich arbeite mich nicht mehr an mir ab.

Dass ich's gut sein lasse, endlich, dass ich mich gut sein lasse, so gut ich halt bin und so gut ich's halt hinkriege, das gelingt mir mit den Jahren besser. Ich glaube, wenn ich mich annehme, bin ich auch im Einklang mit meinem Schöpfer. Denn schließlich war er's ja, der mich so und nicht anders gewollt und geliebt und geschaffen hat.

In einer Talkshow rund um das Thema Schönheit und Schönheitsideale hat eine Psychologin mal gesagt: "Es gibt Möpse, und es gibt Windhunde. Wenn ein Mops versucht, ein Windhund zu werden, dann wird er ein unglücklicher Mops, aber nie und nimmer ein Windhund." (MDR am 31.08.2011)

Wer will schon ein unglücklicher Mops werden? Wenn schon Mops - oder was auch immer - dann doch lieber ein zufriedener. Und überhaupt: Wer sagt denn, dass der Windhund, nur weil er ein Windhund ist, glücklicher ist in seiner Haut, pardon, in seinem Fell?

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