Manuskripte

SWR1 Sonntagmorgen 3vor8

Eine Hörerin schreibt mir: „Sie sind doch Pfarrer. Schreiben Sie mehr über Gott, und lassen Sie die Finger von dem, was in der Welt passiert. Das geht Sie nichts an.“ So eine Rückmeldung ist kein Einzelfall. Manche Menschen irritiert es, dass ich mich in meinen Beiträgen zu aktuellen Ereignissen äußere, zu allem, was um mich herum geschieht. Durchaus auch politisch, wenn es notwendig ist. Dazu stehe ich nicht nur. Ich finde, das gehört zu meinem Auftrag. Weil den Kirchen genau dazu hier im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Zeit zur Verfügung gestellt wird: damit ich vom Standpunkt Jesu und seiner Botschaft aus etwas sage, was einem gerechten und friedlichen Zusammenleben in unserer Gesellschaft dient.

Wer dazu ein Paradebeispiel sucht… Heute wird es in den katholischen Gottesdiensten vorgelesen: Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Dort wird erzählt, was einer tun muss, um das ewige Leben zu gewinnen? Es geht also von Anfang an in dieser Geschichte nicht um eine harmlose Handlungsanweisung oder einen pragmatischen Ratschlag. Es geht hier ums Ganze, um das, was nach dem Tod kommt, somit um eine Frage, die viele Menschen sehr beschäftigt, wenn sie ihr Leben überdenken, eine Frage, die mitten ins Herz des Glaubens an Gott trifft. Wie muss mein Leben ausschauen, wenn ich Gott gegenüber trete? Was Jesus zur Antwort gibt, ist nach wie vor höchst aktuell und provokant dazu. Jesus rät nicht zu Frömmigkeitsübungen oder einem Theologiestudium. Er verlangt Liebe, Nächstenliebe. Jesus sagt: Liebe ist der Schlüssel zum ewigen Leben. Fürs ewige Leben braucht es eine Liebe, die Grenzen überwindet. Und eben das gelingt dem Samariter. Nach der normalen Ordnung haben der unter die Räuber gefallene Jude und der Samariter, der zufällig da vorbei kommt nichts miteinander zu schaffen. Sie gehen sich aus dem Weg, weil sie zu einer anderen Volksgruppe gehören. Die anderen zuvor, die so einen Grund haben könnten, ihrem Landsmann zu helfen, der Priester, der Levit - zumal sie von Berufs wegen fromm sind - die schauen ja weg, wie das Gleichnis ausführlich erzählt. Erst der Fremde, der Samariter, besinnt sich auf sein Menschsein, und dass es sich offenbar doch gehört einem zu helfen, der in Not ist - unter Menschen. Er bringt ihn in Sicherheit, verarztet ihn und lässt soviel Geld zurück, dass für seine Pflege gesorgt werden kann, bis er wieder ganz gesund ist.

Ich finde, wer im Radio vom Glauben an Gott spricht, der sollte diese Szene immer vor Augen haben. Die Kirche ist nicht für sich selbst da, sondern für andere. Die Liebe muss zur Tat werden. Am Ende des Gleichnisses sagt Jesus dem Mann, der nach dem ewigen Leben gefragt hat: Geh und handle genauso! Genau das ist der Auftrag der Kirche.

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