Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Sich alleine zu freuen ist doch nur halb so schön wie zusammen mit anderen. Darüber gibt es eine kleine aber gemeine Geschichte.

Ein Rabbi geht total gerne golfen. Aber es regnet schon seit Wochen und an Golf ist gar nicht zu denken. Ausgerechnet an einem Sabbatmorgen kommt die Sonne raus. Aber am Sabbat darf man sich körperlich ja nicht betätigen – schon gar nicht als Rabbi. Verzwickt, verzwickt. Aber der Rabbi muss es einfach tun.

Sofort laufen im Himmel bei Gott die ersten Beschwerden ein: „Das darf der doch nicht, das musst du bestrafen, Herr!“ „Keine Sorge“, sagt Gott, „wird schon werden.“ Unterdessen schlägt der Rabbi den Ball ab, der fliegt und fliegt und landet direkt im Loch. Dem Rabbi ist tatsächlich der erste „Hole in one“ seines Lebens gelungen – und das freut ihn wahnsinnig.

Im Himmel wird Gott bestürmt: „Herr, bestrafen sollst du ihn, nicht belohnen!“. Doch Gott bleibt ganz cool und sagt: „Überlegt doch, wem soll der Rabbi das nur erzählen?“

Ich glaube nicht an einen Gott, der bestraft. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Die Geschichte macht deutlich, dass es schlimm ist, wenn man Freude nicht teilen kann. Oder andersrum: Teilen Sie alles, was Sie freut! Also erzählen Sie anderen davon.

Es gibt so vieles über das man sich freuen kann: zum Beispiel ausschlafen dürfen, Enkel angekündigt kriegen, den Zug gerade noch erwischen, nach langer Zeit jemanden wiedersehen, gesagt bekommen, dass man seine Arbeit gut macht, bessere Blutwerte, mit einem Geschenk genau ins Schwarze treffen, der Geruch von Regen nach einer Trockenperiode, Essen, das super schmeckt, wenn der Lieblingsverein gewinnt oder wenn die Waage zwei Kilo weniger zeigt.

Mein Bild von Gott ist, dass er sehr kommunikativ ist. Nicht unbedingt, indem wir miteinander sprechen, sondern auf eine andere Weise als ich es gewohnt bin. Gott hat die Menschen erschaffen, um ein Gegenüber zu haben. Er möchte mit uns Menschen Freude und Leid und seine Schöpfung teilen. Er schenkt uns göttliche Momente und hat selbst Anteil an uns in solchen Momenten. Und deshalb hat es auch etwas Göttliches, wenn ich Freude mit anderen Menschen teile.

Freude zu teilen ist eine Win-Win-Situation, denn meistens macht sie beide Seiten froh: den, der sich über etwas freut und den, der davon erfährt. Und damit gehört Freude zu den wenigen Dingen, die mehr werden, wenn man sie teilt.

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