Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Die Liebe ist langmütig; die Liebe ist gütig…“ (Erster Korintherbrief 13,4). Diese Worte des Apostels Paulus, die heute in den katholischen Gottesdiensten vorgetragen werden, sind häufig bei kirchlichen Trauungen zu hören. Doch Paulus hat sie nicht für Hochzeitspaare geschrieben, sondern für eine seiner Gemeinden. Dort hat sich nämlich ein regelrechter Konkurrenzkampf entwickelt. Wer etwas gut kann, sucht es gegen andere durchzusetzen. Von Liebe ist da nichts mehr zu spüren. Ohne sie nützt den Gemeindemitgliedern all ihr Bemühen nichts; da können sie noch so begabt sein. Ihr Glaube – selbst wenn er die Kraft hätte, Berge zu versetzen (Erster Korintherbrief 13,2) – bewirkt nichts.

Die mahnenden Worte des Apostels geben mir zu denken. Wenn ich nach Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für unser monatliches Abendessen mit Bedürftigen suche, tu ich das, weil ich befürchte, dass wir das Essen sonst aufgeben müssten. Wie aber stehen wir dann als Gemeinde da? Mir fällt auf, dass ich an sie denke, nicht aber an die 50, 60 Frauen und Männer, die sich jedes Mal auf das Abendessen freuen.

Mit seinem Lied über die Liebe geht Paulus ans Eingemachte. Ich merke, wie er mein Denken und meinen Blick verändert. Statt auf die Gemeinde zu schauen, zeigt er mir die Menschen, die zu unserem Essen kommen. Sich in sie einzufühlen und einzulassen, ist ein Tun der Liebe. Und daraus dann Schritte zu entwickeln, die weiterführen, heißt ihr zu folgen. Dass diese Sicht nicht immer im Vordergrund steht, macht mir bewusst: Menschliches Tun bleibt immer Stückwerk; es ist nicht vollkommen (Erster Korintherbrief 13,9). Das klingt ernüchternd, aber es hilft, mich und mein Tun im Zusammenhang mit Gottes Wirken zu sehen. Gott will mich in meinen Möglichkeiten weiterbringen. Und das tut er vor allem mit der Gabe der Liebe, die, wie Paulus schreibt, alles erträgt, alles glaubt, alles hofft, allem standhält (Erster Korintherbrief 13,7). Mit ihr wird das, was ich mache, besser und reicher. Allerdings setzt das voraus, dass ich meine Unvollkommenheit und Begrenztheit akzeptiere. Und dass ich mich für Gottes Gaben öffne. Vor allem für die Gabe der Liebe.

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