Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Ein guter Stolperer fällt nicht“, das war ein Spruch meines Vaters. Meistens witzig gemeint, um die kurze Verunsicherung nach dem Stolpern zu überbrücken. Daran musste ich denken als ich letztlich bei der Antrittsvorlesung eines Theologieprofessors war. Er hat das Stolpern als Chance beschrieben, als Chance etwas zu lernen. Er hält es für eine Fähigkeit, sich aus dem Tritt bringen zu lassen. Stolpern zu lernen als  eine Qualität. Ich fand das spannend und provozierend. Provozierend, weil ich ja sehr wohl weiß, wie wichtig das Gewohnte, das Altvertraute ist. Nur nicht zu viel verändern, das strengt an, verunsichert und stört. Spannend fand ich diese positive Sicht des Stolperns, weil die festgefahrenen Bahnen, das ganz Sichere, die festen Ordnungen ab einem gewissen Punkt etwas Starres, ja auch Lebensfeindliches haben. Und da kamen mir die Flüchtlinge in den Sinn. Sie haben unsere Gesellschaft ins Stolpern gebracht. Eine Gesellschaft, der es verglichen mit dem Rest der Welt ziemlich gut geht. Eine Gesellschaft, die die Globalisierung bislang nur aus dem Fernsehen, den Fernreisen und den Vorteilen der Wirtschaft gekannt hat. Und nun steht die Globalisierung auf einmal in Form von fremden Menschen vor unserer Haustür. Und die wollen auch noch was von uns: Schutz, Hilfe und eine neue Heimat. Das bringt unsere gewohnten und ungestörten Abläufe weiß Gott ins Stolpern. Gut stolpern könnte jetzt heißen: sich fangen, inne halten und Ruhe bewahren. Fremdenfeindliche Worte und Taten mit derselben Schärfe bestrafen wie frauenfeindliche Gewalttaten. Dass uns die Flüchtlinge als Gesellschaft aus dem Tritt gebracht haben, kann aber auch etwas sehr Gutes und Wichtiges bewirken: dass sie uns mit all ihrer Not, ihrer Andersartigkeit und der Herausforderung, die sie für uns sind, zum Nachdenken bringen. Zum Nachdenken darüber welche Werte wir haben. Welche Kultur uns verbindet und trägt. Welche Rolle Religion bei uns hat, haben soll und nicht haben soll. Und welche Grundwerte von den Menschen, die eine neue Heimat bei uns finden möchten, nicht nur respektiert, sondern gelebt werden sollen. Damit aus dem kurzen Stolpern unserer Gesellschaft ein neuer sicherer Gang wird. Auf dem festen Boden eines humanen und weltoffenen Deutschlands, das sich bewusst ist woher es kommt und wohin es will.                  

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