Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

GL 403 

Undankbarer Zweibeiner. So beschrieb der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski vor rund 150 Jahren den Menschen. Heute ist Dostojewskis Todestag.

Undankbarer Zweibeiner. Das scheint heute noch zu stimmen, denn in unserer Gesellschaft wird eher selten gedankt. Vieles ist selbstverständlich. Dass wir in Deutschland in Frieden leben, dass Kinder in die Schule gehen oder dass die Regale in den Geschäften voll sind. Wer ist dafür noch dankbar?

Undankbarer Zweibeiner. Damit weist Dostojewski aber auch auf etwas anderes, tiefer Liegendes hin. Der Mensch sieht oft nur das, was ihm fehlt. Der Blick auf das eigene Leben wird dabei eng und einseitig. Deshalb sind viele unzufrieden und haben überzogene Wünsche. Die Angst, im Leben zu kurz zu kommen, wächst.

Ich glaube, das über 350 Jahre alte Kirchenlied „Nun danket all und bringet Ehr“ kann dieser Haltung auch heute etwas entgegenstellen.
Gerade die ersten beiden Strophen fordern auf umzudenken und zu danken:

Nun danket all und bringet Ehr

Mertens, Klaus; Johannsen, Kay; Crüger, Johann

Aus meines Herzens Grunde 2012

2 Strophen (0:00 – 0:40 min.)

Der bekannte evangelische Kirchenlieddichter Paul Gerhardt lenkt den Blick am Beginn des Liedes ganz bewusst auf das Positive, das wir im Leben haben. Nicht die Not, nicht die Trauer, sondern das Gute soll uns im Leben bestimmen. Das gibt Kraft und Hoffnung – davon ist er überzeugt.

Ob ich das an Paul Gerhardts Stelle damals gekonnt hätte, weiß ich nicht. Denn als er das Lied 1647 schreibt, geht der 30jährige Krieg gerade in sein letztes Jahr. Die Menschen stehen vor den existentiellen Grenzen. Immer wieder sind sie konfrontiert mit Gewalt, Krankheit und Tod.

Und trotzdem dankt Paul Gerhardt! Nicht zynisch, sondern ernsthaft.

Dahinter entdecke ich seinen festen Glauben. Paul Gerhardt ist überzeugt, dass sich Gott als derjenige zeigt, „der seine Wunder überall und große Dinge tut“. Auch wenn das Leben uns manchmal den Boden unter den Füßen wegreißt.

Einfach ist das nicht. Es gibt Tage und Situationen, in denen kann ich beim besten Willen nicht danken.

Doch von jemandem, der die dunklen und schweren Seiten des Lebens selbst durchlebt hat und kennt, kann ich die Aufforderung zu danken hören.

Und dann kann ich auch bitten, dass mir Ängste und Sorgen wie ein Stein vom Herzen fallen. Gott ist es, der mir „ein fröhlich Herz“ schenken kann:

Nun danket all und bringet Ehr

Mertens, Klaus; Johannsen, Kay; Crüger, Johann

Aus meines Herzens Grunde 2012

1:00 – 1:20 min.

 Häufig ertappe ich mich dabei, dass bei meinem Gebet die Bitte an erster Stelle steht.
Klar, ich sage zuerst das, was ganz oben auf meiner Seele liegt. Und das sind nun einmal die Sorgen, die Fragen oder die Gedanken an Menschen, die mir nahestehen.

Bei diesem Lied ist das anders. Da steht am Anfang der Dank und erst darauf folgen die Bitten. Paul Gerhardt ist mir mit diesem Lied zu einer Art Lehrmeister geworden:

Wenn ich Gott zuerst danke, dann halte ich mir vor Augen, was er schon alles getan hat und nicht das, was mir noch fehlt. Und ich entdecke so manche Situation, in der er mir bereits geholfen hat - oft unsichtbar und unbemerkt durch einen anderen Menschen.

 

Nun danket all und bringet Ehr.

Choral aus: Dem Gerechten muß das Licht

Kantate zu einer Trauung für Soli, Chor und Orchester, BWV 195

Schlick, Barbara; Haffke, Klaus; Collegium musicum des WDR;

Maier, Franzjosef; Windsbacher Knabenchor

(0:00 – 0:45 min.)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16957

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