Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Kein geringerer als der Nobelpreisträger Günther Grass hat ihr ein Denkmal ge-setzt. In seinem Roman »Der Butt« spielt Dorothea von Montau eine zentrale Rolle. Keine x-beliebige Frau – eine Heilige. Die Katholische Kirche feiert heute ihr Fest. Vor genau 660 Jahren wurde Dorothea in Montau, dem heutigen Matowy Wielkie in Polen, geboren.
Günther Grass allerdings erzählt das Leben der Dorothea ganz anders, als es in frommen Heiligenbüchern zu finden ist. Er bürstet ihr heiliges Leben gegen den Strich. Dafür lässt Grass vor allen den Ehemann der Dorothea zu Wort kommen: Den Schwertmacher Adalbert Schlichting. Bei der Hochzeit ist er 36, seine Doro-thea erst 16. Und Schlichting hat es nicht leicht mit ihr: Seine Frau bringt Emotio-nen fast nur für ihren Herren Jesus auf und treibt mit ihrer Großzügigkeit andern gegenüber den Handwerker fast in den Ruin. Dorotheas fromme Visionen schließ-lich machen die Familie zum Gespött der Leute.
Doch Grass gibt nicht nur Dorotheas Mann eine Stimme. Er entstaubt zugleich das überlieferte Bild der Heiligen. Historisch verbürgt ist nämlich, dass sich Dorothea von ihrem Mann trennen wollte. Ihr Argument: Sie wolle ins Kloster gehen, frei sein für Gott. Für Grass ist Dorothea damit die erste Frau, die gegen die Zwangs-heiraten des Mittelalters öffentlich revoltiert. Mehr noch: Ihr ganzes Verhalten, ihre religiösen Visionen, ihre Freigiebigkeit deuten zeigen: Dorothea wollte sich auch vom Frauenbild des Mittelalters verabschieden. Wollte nicht die willige Ehefrau, die patente Hausfrau, die zuvorkommende Gastgeberin sein. Sie wollte vor allem eins sein: frei. Frei von Geld, Ehezwang und Schwangerschaft, frei für Gott und für sich selbst. Grass liest das Leben der Dorothea als Leben einer modernen Frau.
Doch Freiheit bekam eine Frau des Mittelalters nicht einfach so. Dorothea bekam sie erst nach dem Tod ihres Mannes. Da zog sie sich in ihre eigene, innere Freiheit zurück: eingemauert in eine kleine Zelle am Dom in Marienwerder. Hier lebte sie, zurückgezogen von der Welt, aber frei von allen sozialen Zwängen des Mittelalters.
Mich verwundert es nicht, dass Dorothea den Männern und Mächtigen nicht geheu-er war. Das zeigt auch ihr Heiligsprechungsprozess. Der wurde zwar bald nach ih-rem Tod in Gang gesetzt. Aber schon zehn Jahre nach ihrem Tod wurde er wieder auf Eis gelegt. Kein Wunder: Kritische, freiheitsliebende Frauen standen bei der Kirche noch nie hoch im Kurs. Aber es gibt eine spannende Wende dieser Frauen-geschichte. Denn vor vierzig Jahren sprach der Papst Dorothea doch noch heilig. 500 Jahre nach ihrem Tod war endlich doch die Zeit reif für diese ungewöhnliche Frau.
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