Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Immer wieder überrascht es mich, welch kluge Gedanken Menschen bereits viele hundert Jahre vor uns hatten. Keine Frage, dass Menschen auchfrüher  klug und mehr als gescheit waren. Aber dass sich bei Ihnen Gedanken finden, die so haarscharf den Nerv unserer Zeit treffen, die sie so nicht vorhersehen konnten, das fasziniert mich immer wieder.

Solche zeitlos kluge Gedanken  hab ich bei Bernhard von Clairvaux gefunden.Er hatim 12. Jahrhundert gelebt und war Mönch und auch Abt.
Einem guten Freund hat er geraten:

„Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist. Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter.
Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen, und  habe nicht den Wunsch, freigiebiger zu sein als Gott. Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird sie zur See. Du tue das Gleiche! Zuerst anfüllen und dann ausgießen. Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen. Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst.  Wenn du nämlich mit dir selber schlecht umgehst, wem bist du dann gut? Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle; wenn nicht, schone dich."

Bernhard von Clairvaux 1090-1153

Das ist eine interessante Alternative -EinKanal- oder eineSchale-sein. Beim Kanal fließt alles durch. Es belastet dich nichts, du behältst nichts für dich. Bei der Schale hingegen wirst Du erst einmal gefüllt - sammelst Du.

Bernhard sagt: „Wenn Du vernünftig bist...erweise dich als Schale...lass dich erst anfüllen, dann gebe weiter."

Tue nicht den zweiten Schritt vor dem ersten, laug' dich nicht ständig selber aus, klingt für mich darin mit. Haushalte mit deinen Ressourcen, sei bereit zu empfangen....und dann fließe gerne über und gib ab von dem was Du empfangen hast, wovon Du erfüllt bist. Das ist  gesünder, für Dich und die anderen. Und es ist liebevoller im Umgang mit Dirselbst und dem anderen, dem Du abgibst von Deiner Zeit, Deiner Fülle.
Bernhard hat das Herzensanliegen seines Meisters - Jesus von Nazareth - gut verstanden, scheint mir. Denn dessen Auftrag war und ist: Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie dich selbst.

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