Manuskripte

Fasnet ist; diese Woche geht es mit den Höhepunkten los. Ich freue mich darauf. Und deshalb bin ich übers Wochenende auch nicht in Stuttgart, sondern im Oberland, mitten in der schwäbisch-alemannischen Fasnet. Auch als Niederrheiner habe ich in den vierzig Jahren, die ich nun schon hier lebe, einen Zugang zum Fasnettreiben bekommen. Dass eine ganze Stadt in der sogenannten fünften Jahreszeit gemeinsam feiert, ist im Norden nicht anders wie im Süden. Mich hat das immer schon fasziniert. Wo du hingehst, triffst du auf Bekannte. Und die, die du noch nicht kennst, lernst du bald kennen, denn das gemeinsame Feiern verbindet. Was mir besonders gefällt, ist, was man einander in diesen Tagen wünscht: Eine glückselige Fasnet.

Glückselig kommt mir vor wie eine Verdoppelung von Glück. Von seiner Herkunft her bezeichnet das Wort „Glück“ den guten Ausgang eines Ereignisses. Und „Seligkeit“ lässt sich ebenfalls von „Glück“ ableiten, wobei hier mehr an das Vollendete gedacht ist. Seligkeit lässt deshalb auch an den Himmel denken, den Ort, wo Gott mit uns Menschen zusammen ein Fest feiert.

Und selig – glückselig – sollen sich die Menschen in der Fasnet fühlen. Immerhin haben sie die Chance, für ein paar Tage aus dem Alltag herauszukommen, für ein paar Tage anderes zu erleben als das, was sie sonst plagt. Sogar die kranken und alten Menschen haben diese Chance; vielen Narrenzünften ist es ein wichtiges Anliegen, sie zu besuchen und zu beschenken. Hundertprozentig funktioniert das allerdings nicht. Es gibt Sorgen, die sich nicht einfach wegdrängen lassen durch ein paar fröhliche Tage. Obwohl: Mein Bruder, der vor genau einem Jahr im Sterben lag, hat mich anderes gelehrt. Er konnte den Karneval nicht mehr mitfeiern, und doch war er froh gestimmt – etwas, das auch seinen Besuchern gut getan hat. Auf jeden Fall gab es, als ich ihn mitten in den tollen Tagen besuchte, viel zu lachen. Und meistens war es er, der das auslöste. Im Nachhinein denke ich oft: Ein bisschen Himmel war damals dabei – ein bisschen von jener Glückseligkeit, die allein Gottes Gabe ist und die uns dem Himmel näher bringt. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine glückselige Fasnet.

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„Lichtmess“ wird der zweite Februar genannt. Nicht nur in kirchlichen Kalendern kann man das lesen, sondern auch in vielen anderen. Denn an diesem Tag endete die Winterpause der Bauern, und in vielen Betrieben gab es einen Wechsel der Angestellten. Im Gottesdienst werden die Kerzen geweiht, die man in der Kirche das Jahr über benötigt, aber auch Kerzen, die die Leute mitbringen, um sie zu Hause beim Gebet anzuzünden. Von daher und weil man auch eine Prozession mit brennenden Kerzen hält, erklärt sich der Name „Lichtmesse“.

In den Kirchen wird es an Lichtmess noch einmal weihnachtlich. Vierzig Tage nach seiner Geburt ist noch einmal von dem Kind die Rede, das Maria in Betlehem zur Welt gebracht hat. Einem Brauch entsprechend, soll es nun im Jerusalemer Tempel Gott geweiht werden (Lukas 2,22-40). Unter den dort Anwesenden sind zwei ältere Menschen, die in dem Kind etwas Besonderes und Großes erkennen: Es ist das „Licht für die Völker“ (Jesaja 49,6); in den Schriften der Propheten kann man davon lesen. Ein aufstrahlendes Licht: Das ist eine vielversprechende, gute Nachricht. „Endlich kommt Licht in das Dunkel“, sagen wir, wenn sich in einer schwierigen Sache ein Durchbruch, eine Wende abzeichnet. Genau diese Wirkung wird dieses Kind haben. Das verkünden die beiden älteren Menschen im Jerusalemer Tempel. Es wird die Wende bringen, die Gott durch die Propheten so lange angekündigt hat. Überall auf der Erde können die Menschen nun hoffen. Das Dunkel, das sie erleben, wird weichen. Das Licht dieses Kindes wird es vertreiben.

Ist das wahr? Angesichts der Probleme, die diese Welt beherrschen, kommen da in mir auch Zweifel auf. Trotzdem mache ich auch die Erfahrung, dass eine dunkle Situation gewichen ist: eine Krise, die ich bewältigen konnte; ein Streit, der nach einem schmerzlichen, aber klärenden Prozess beendet wurde. Ich kann deshalb gut nachvollziehen, wie tröstlich und bestärkend es ist, wenn Menschen in einer Kirche ein Licht anzünden. Es steht für die Hoffnung, dass Gott Licht in die dunklen Seiten meiner Welt bringt. Und es ist Zeichen für Jesus, das Licht, das Gott hat aufstrahlen lassen in dieser Welt und das nicht mehr erlischt.

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Gestern war ökumenischer Bibelsonntag. Seit 40 Jahren wird er begangen – in der Regel mit einem ökumenischen Gottesdienst. Ich kann mich noch gut erinnern, wie in meiner niederrheinischen Heimatstadt die evangelische und die katholische Gemeinde erstmals zu einem gemeinsamen Gottesdienst zusammenkamen. 50 Jahre ist das her. Für viele war es damals ein großes Ereignis, auch für mich. Denn mein Vater war evangelisch und meine Mutter katholisch; wir Kinder, katholisch getauft, wuchsen sprichwörtlich „zwischen kirchlichen Stühlen“ auf. An einen gemeinsamen Kirchgang war nicht zu denken. Das wurde erst in den Siebzigerjahren normaler. In dieser Zeit bekam ich auch eine Stelle als Organist in einer evangelischen Gemeinde.

So konnte ich von Anfang an miterleben, wie es in der Ökumene zunehmend lebendiger wurde. Bis heute prägt mich das. Und deshalb genieße ich es, dass die Gemeinde, der ich angehöre, ihre Kirche mit den Anglikanern teilt, und dass beide Gemeinden eine enge Freundschaft zur benachbarten evangelischen Gemeinde pflegen.

Das erinnert mich an die Urbedeutung von „Ökumene“. Das Wort leitet sich aus dem Griechischen ab. Das Wort „Haus“ steckt darin – das Haus als Symbol einer Gemeinschaft, in der verschiedene Parteien miteinander leben. Jede hat ihren eigenen Bereich, aber es gibt eben auch gemeinsames. Und für das Gemeinsame tragen die Verantwortung alle miteinander. Dass heute viele Christen eine regelrechte Sehnsucht nach Einheit in sich spüren, zeigt, wie sehr das ökumenische Bewusstsein in den letzten 60, 70 Jahren gewachsen ist. Sie begnügen sich nicht mehr nur mit regelmäßigen Besprechungen und gegenseitigen Besuchen. Sie wünschen sich vielmehr, dass die Übergänge in die einzelnen Wohnungen fließender werden.

Ich glaube, viele Menschen verstehen es nicht, wenn die Christen nur ihr eigenes Süppchen kochen und dabei noch mächtig streiten. Sie setzen damit ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel. Schließlich haben sie es in der Hand, ob das gemeinsame Haus der Kirche als Bruchbude wahrgenommen wird oder als eine Stätte, die etwas ausstrahlt und die wichtige Impulse gibt für das größere Haus aller Menschenkinder.

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„Die Liebe ist langmütig; die Liebe ist gütig…“ (Erster Korintherbrief 13,4). Diese Worte des Apostels Paulus, die heute in den katholischen Gottesdiensten vorgetragen werden, sind häufig bei kirchlichen Trauungen zu hören. Doch Paulus hat sie nicht für Hochzeitspaare geschrieben, sondern für eine seiner Gemeinden. Dort hat sich nämlich ein regelrechter Konkurrenzkampf entwickelt. Wer etwas gut kann, sucht es gegen andere durchzusetzen. Von Liebe ist da nichts mehr zu spüren. Ohne sie nützt den Gemeindemitgliedern all ihr Bemühen nichts; da können sie noch so begabt sein. Ihr Glaube – selbst wenn er die Kraft hätte, Berge zu versetzen (Erster Korintherbrief 13,2) – bewirkt nichts.

Die mahnenden Worte des Apostels geben mir zu denken. Wenn ich nach Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für unser monatliches Abendessen mit Bedürftigen suche, tu ich das, weil ich befürchte, dass wir das Essen sonst aufgeben müssten. Wie aber stehen wir dann als Gemeinde da? Mir fällt auf, dass ich an sie denke, nicht aber an die 50, 60 Frauen und Männer, die sich jedes Mal auf das Abendessen freuen.

Mit seinem Lied über die Liebe geht Paulus ans Eingemachte. Ich merke, wie er mein Denken und meinen Blick verändert. Statt auf die Gemeinde zu schauen, zeigt er mir die Menschen, die zu unserem Essen kommen. Sich in sie einzufühlen und einzulassen, ist ein Tun der Liebe. Und daraus dann Schritte zu entwickeln, die weiterführen, heißt ihr zu folgen. Dass diese Sicht nicht immer im Vordergrund steht, macht mir bewusst: Menschliches Tun bleibt immer Stückwerk; es ist nicht vollkommen (Erster Korintherbrief 13,9). Das klingt ernüchternd, aber es hilft, mich und mein Tun im Zusammenhang mit Gottes Wirken zu sehen. Gott will mich in meinen Möglichkeiten weiterbringen. Und das tut er vor allem mit der Gabe der Liebe, die, wie Paulus schreibt, alles erträgt, alles glaubt, alles hofft, allem standhält (Erster Korintherbrief 13,7). Mit ihr wird das, was ich mache, besser und reicher. Allerdings setzt das voraus, dass ich meine Unvollkommenheit und Begrenztheit akzeptiere. Und dass ich mich für Gottes Gaben öffne. Vor allem für die Gabe der Liebe.

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„In Würde begraben?“: So lautet der Titel eines Dokumentarfilms, der vor kurzem im SWR-Fernsehen gezeigt wurde. Allerdings steht am Ende des Titels ein Fragezeichen. Und das mit Recht, denn ein Teil des Films beschäftigt sich mit Missständen im Bestattungswesen. Für mich war das ein Schock. Da denkt man, der Tote befindet sich in guten Händen – und muss erfahren, dass dies nicht immer selbstverständlich ist. Ein Grund dafür ist, dass es im Bestattungswesen einen öffentlich wahrnehmbaren Bereich gibt und einen, der normalerweise im Verborgenen bleibt. Zum öffentlichen gehören die Trauerfeier und die Beisetzung, zum nicht öffentlichen gehört das, was man die „Versorgung“ des Toten nennt. Was das im Einzelnen ist, möchte nicht jeder Mensch so genau wissen.

Früher war das anders. Da wurde der Verstorbene zu Hause versorgt – von den Angehörigen selbst und von Nachbarn. Sie wuschen und bekleideten ihn, sie legten ihn in einen Sarg und bahrten ihn auf. Der Tod gehörte so gesehen zum Leben. Heute aber ist er daraus verdrängt worden, die Nähe des Todes wird als unangenehm empfunden. Man gibt den Toten ab – und ist damit eine Last los. Der Film setzt jedoch etwas gegen diesen Automatismus. Er will einen unbefangeneren Umgang mit dem Tod erreichen. Und so sieht man, wie der Verstorbene am Ort seines Todes abgeholt wird, und begleitet seinen Weg bis zur Verbrennung. Und man erfährt, dass es möglich ist, als Angehöriger bei alledem, sogar bei der Verbrennung, dabei zu sein – wenn man es will.

Besonders nachdenklich hat mich gemacht, dass im Film auch eine Frau gezeigt wird, die Vorsorge trifft für ihre eigene Bestattung. Es ist keine ältere Frau, sondern eine, die mitten im Leben steht. Ich selbst bin jetzt Anfang sechzig. Und ich muss zugeben:  Ich habe bisher noch keine einzige Verfügung für den Fall meines Todes getroffen. Obwohl ich dem Tod in meiner Arbeit als Pfarrer immer wieder begegne, tu ich mich offensichtlich schwer damit. Ich merke, wie der Film an mir arbeitet. Und deshalb spreche ich darüber gerade viel mit meiner Frau. Ich glaube, wenn wir uns zusammen um eine Vorsorge bemühen, wird es leichter für mich.

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Es gibt ein Bild, das mich ungeheuer fasziniert; ich habe es in Oberbayern gesehen, in der Kirche von Urschalling bei Prien. Da ist die heilige Dreifaltigkeit zu sehen: Gott Vater und Gott Sohn und in der Mitte Gott Heiliger Geist – oder besser: Gott, Heilige Geistin, denn die mittlere Gestalt ist deutlich als Frau dargestellt.

Für das Mittelalter ist dies ungewöhnlich. Und ungewöhnlich ist es auch für die Theologie bei uns. Doch im östlichen Bereich, namentlich in der frühen syrischen Kirche, war es durchaus üblich, über den Heiligen Geist weiblich zu sprechen. Das ist auch nicht verwunderlich, denn im Syrischen wird das Wort „Geist“ weiblich verstanden. Gebete aus dieser Zeit rufen deshalb den Geist Gottes als „barmherzige Mutter“ an. Und bei der Taufe sprechen sie vom „Mutterschoß“ des Heiligen Geistes, der die neuen Christen zur Welt bringt.

An all das muss ich beim Anblick der vielen syrischen Flüchtlinge denken. Sie kommen aus einem Land, in dem seit Jahren ein grausamer Bürgerkrieg herrscht. Sie kommen aber auch aus einem Land mit einer reichen und vorbildlichen Kultur. In ihm gab es schon früh christliche Gemeinden und – wie das Beispiel von „Mutter Geist“ zeigt – eine bodenständige Theologie. Sie hatte keine Scheu, sich Gott auch wie eine Frau vorzustellen. Frauen bringen uns auf die Welt. Frauen sorgen dafür, dass wir am Leben bleiben. Und so ist Gott auch. Sein Geist ist wie der heftige Atem bei einer Geburt: Daraus kann etwas werden, womit niemand gerechnet hätte, etwas bis dahin völlig Unvorstellbares.

Ich wünsche mir, dass „Mutter Geist“ die Menschen auch jetzt dazu antreibt, das Unvorstellbare anzugehen. Im Grunde hat sie es ja schon bei den Flüchtlingen getan. Immerhin haben sie einen Weg voller Ungewissheiten und Gefahren hinter sich. Könnte der Glaube, der die Flüchtlinge erfüllt hat, jetzt nicht auch alle antreiben, die daran arbeiten, sie unterzubringen und zu integrieren? Und könnte er nicht auch Wege ebnen, die zu einem Frieden in Syrien führen?

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Die Gemeinde, in der ich Pfarrer bin, hat gestern Erntedank gefeiert. Wir machen das immer so, dass alle gemeinsam zu Beginn des Gottesdienstes einen Erntealtar gestalten: Kinder und Erwachsene bringen Obst und Gemüse, aber auch Brot und Wein, und legen sie vor den Altar; dazu werden Blumen und Kerzen gestellt. Und schon ist ganz viel Stimmung in der Kirche: Alles ist mit einem Mal bunt und schön, die Kinder freuen sich, dass sie dazu beitragen können, und in den Liedern und Gebeten loben und danken wir Gott, der das alles hat wachsen lassen, damit wir leben können.

Auf der anderen Seite sehen wir aber auch, dass nicht überall die Obstschalen und Kühlschränke voll sind. Die vielen Bettler in der Stadt erinnern uns daran, dass es nicht selbstverständlich ist, immer genügend Essen auf dem Tisch zu haben. Weltweit leiden rund 795 Millionen Menschen unter Hunger. Erntedank feiern ist deshalb ohne Teilen nicht denkbar. Und so bringen Vertreter der Gemeinde die Erntegaben direkt nach dem Gottesdienst zur Schwäbischen Tafel. Und mit der Kollekte unterstützen wir immer eine Organisation, die den Hunger in der Welt bekämpft. Aber auch das Jahr über ist es uns wichtig, für Menschen da zu sein, die sich nicht regelmäßig eine Mahlzeit leisten können – vor allem am Monatsende nicht, wenn der Geldbeutel leer ist. Immer am letzten Sonntag des Monats laden wir deshalb zu „Kathy’s Vesper“ ein, ein Abendessen in unserer Kirche St. Katharina und davor eine kurze Andacht.

Beim Erntedankgottesdienst gestern haben wir aus der Bibel die Stelle gehört, wo Gott den Menschen aus Ackerboden formt, wo er ihm dann Lebensatem in seine Nase bläst und schließlich in einen Garten setzt, den er eigens für ihn geschaffen hat: ein Garten mit allerlei Bäumen; sie tragen köstliche Früchte und sehen verlockend aus (Genesis 2,4b-9). Mir ist an diesem friedlichen Bild erneut klar geworden, dass Gott Hunger und Not nicht will. Und erst recht will er nicht das, was dazu führt: Terror und Krieg. Ich finde, das ist genug Herausforderung, etwas dagegen zu tun – im Kleinen wie im Großen, mit einfachen Mitteln ebenso wie mit großen Aktionen und weltweiten politischen Konzepten.

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Heute Nachmittag werde ich mit zwei Männern und ihren Gästen um Gottes Segen für ihre Partnerschaft beten. Seit vielen Jahren leben sie zusammen, vor einigen Jahren haben sie ihre Partnerschaft auch gesetzlich eintragen lassen. In der Kirche, der ich angehöre, sind solche Partnerschaftssegnungen offiziell möglich; es gibt sogar einen Ritus dafür, herausgegeben von Bischof und Synodalvertretung. Trotzdem stoßen sich nicht wenige Menschen daran. Sie können sich nicht vorstellen, dass Gott neben Ehe und Familie auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften akzeptiert, ja sie befürchten sogar, dass Ehe und Familie Schaden nehmen, wenn andere Lebensformen zugelassen sind.

Die Entscheidungsträger in unserem alt-katholischen Bistum haben diese Befürchtungen nicht. Sie können dabei auf zwei Jahrzehnte Erfahrung in den Gemeinden bauen. Dabei hat sich gezeigt, dass homosexuelle Menschen zu denen gehören, die Ehe und Familie fördern. In unserer Stuttgarter Gemeinde arbeitet einer mit großer Begeisterung im Familiengottesdienstteam mit.

Wer in der Bibel nach Maßstäben für gleichgeschlechtliche Partnerschaften sucht, sucht vergebens; es gibt sie nicht. Aber es gibt stattdessen indirekte Hinweise. Sie knüpfen beispielsweise daran an, wie Jesus gesellschaftliche und religiöse Konventionen aufbricht, wenn es um das Heil des Menschen geht, etwa im Umgang mit Frauen oder wenn er am Sabbat in der Synagoge einen Menschen heilt. Jesus zeigt damit: „Gott ist größer als unser Herz“ (1. Johannesbrief 3,20). Im alt-katholischen Gesangbuch gibt es über dieses Bibelwort ein Lied, in dem ausgedrückt ist, wo das konkret wird. „Welt ist nicht nur, was Menschenaugen sehn, / und Ordnung mehr, als wir davon verstehn“, heißt es in der zweiten Strophe. [1] Diese Worte weiten meinen Blick. Sie machen deutlich, dass es hinter dem, was mit den Sehorganen wahrnehmbar ist, noch eine Ebene gibt, die nur mit anderen Augen angeschaut werden kann. Auch mein Herz hat Augen; mit ihnen sehe ich tiefer, in andere Menschen hinein. Mit ihnen sehe ich auch, wie unfassbar groß Gott ist: dass er sich nicht beschränkt auf das, was ich normalerweise sehen kann. Das bestärkt mich, zusammen mit den beiden Männern und ihren Gästen heute Nachmittag um Gottes Segen zu bitten, damit ihre Liebe immer lebendig bleibt.

 



[1] Eingestimmt. Gesangbuch des Katholischen Bistums der Alt-Katholiken in Deutschland. Bonn 2003, Nr. 636: In deiner Schöpfung birgt sich dein Gesicht (T: Joachim Vobbe 1995, M: Arnold Senn 1995).

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Erster Mai: Tag der Arbeit, Feiertag. Für wen eigentlich? Für mich war und ist der 1. Mai ein arbeitsfreier Tag. Als Tag der Arbeit nehme ich ihn höchstens in der Zeitung und in den Abendnachrichten wahr.

Immerhin ist mir auf diese Weise das Motto für dieses Jahr begegnet: „Die Arbeit der Zukunft gestalten wir!“ Und dazu die Forderungen: „Wir wollen gute Arbeit, sozialen Fortschritt und keinen Stillstand. Wir wollen soziale Gerechtigkeit...“ Gleich an zwei Gemeindemitglieder muss ich dabei denken. Es ist noch keinen Monat her, dass sie mir von ihrer Situation erzählt haben. Beide sind bereits über fünfzig Jahre alt, und beide blicken auf eine langjährige Tätigkeit in ihrem jeweiligen Betrieb zurück. Trotzdem erhielten beide eine Kündigung, in einem Fall sogar als Folge einer Krankmeldung.

Mir kommen diese beiden Geschichten vor wie ein Spiel, bei dem Figuren beliebig herumgeschoben und ausgewechselt werden. Für die betroffenen Menschen ist das demütigend und verletzend. In der Bibel wird Gott als der gepriesen, „der den Schwachen aus dem Staub emporhebt und den Armen erhöht, der im Schmutz liegt“ (Psalm 113,6). Ich sehe darin eine Herausforderung, für Gerechtigkeit und Menschenwürde einzutreten und mich auf die Seite derer zu stellen, denen solches Unrecht widerfährt. Ich kann das aber nicht allein. Und deshalb ist es gut, dass es Organisationen gibt – darunter auch die Kirchen –, die die Menschenwürde auch in der Arbeit einfordern. Sie tun es kompetent und auf vielfältige Weise. Und sie tun es oft im Verborgenen. Die Öffentlichkeit dagegen nimmt sie höchstens wahr, wenn es zu Streiks kommt. Viele sind dann ärgerlich, weil sie die Folgen zu spüren bekommen. Aber es gibt auch die, die Verständnis zeigen und bereit sind, die Geschichten dahinter anzuschauen: die Situation einer Familie, die finanziellen Verpflichtungen, die viele haben, Armut…

Was ist dagegen dann mein Ärger? Ich spüre: Solidarität beginnt schon dort, wo ich solche Geschichten zur Kenntnis nehme und mich von ihnen berühren lasse – im Falle eines Streiks ebenso wie am Tag der Arbeit. Und wenn es nur dadurch geschieht, dass ich davon in der Zeitung lese oder darüber eine Reportage sehe während der Abendnachrichten.

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Krebs im Endstadium: Das teilte mir vor ein paar Wochen der Hausarzt meines Bruders mit. Als ich ihn kurz darauf besuchte, in einer Palliativstation, lag er fast locker auf dem Bett und war ganz Gastgeber: Keine Panik, keine Verzweiflung, dafür aber Freude über den Besuch und Interesse an dem, was es bei uns an Neuem gibt.

Zehn Tage später konnte ich eine ähnliche Erfahrung machen. Mein Bruder sagte: „Mir ist, als könnte ich Bäume ausreißen.“ Ich weiß: Dieses Gefühl war den Medikamenten zu verdanken. Es sollte uns aber eines der intensivsten Gespräche bescheren, das wir je geführt hatten. Sein Kern: Dankbarkeit und Zufriedenheit. Mein Bruder war dankbar für die vielen Freunde, die in diesen Tagen zu Besuch ins Krankenhaus kamen, darunter mehrere Male seine Ex-Frau; er sagte: „Guck, ich habe meinen Frieden mit ihr.“ Er war dankbar auch für seinen wunderbaren Sohn, seine liebenswerte künftige Schwiegertochter, und schließlich dafür, dass er auch auf die schwierigen Situationen seines Lebens zufrieden zurückblicken kann. Er sagte: Da gibt es keine Reste mehr, nichts, was noch zu klären ist; er ist versöhnt damit.

Das Gespräch geht mir bis heute nach; mein Bruder ist inzwischen gestorben. Was mich daran vor allem bewegt, ist, dass er so zufrieden auf sein nicht ganz einfaches Leben zurückblicken konnte. Für mich und auch für viele in unserer Familie ist das sehr tröstlich. Sagen zu können: Ich habe meinen Frieden damit, heißt ja: Ich kann damit abschließen, ich kann es loslassen. Ganz bewusst hat mein Bruder das getan. Für die Trauerfeier – mein Bruder hat mich bei dem Gespräch gebeten, sie zu gestalten – habe ich passend dazu ein paar Verse aus dem alttestamentlichen Buch der Weisheit gefunden. Sie sprechen von der Erfüllung des Lebens, die nicht abhängig ist von der Zahl seiner Jahre: „Früh vollendet, hat der Gerechte doch ein volles Leben gehabt…“ (Weish 4,13).

Einmal mehr wird mir bewusst, wie wichtig es ist, das, was sich in meinem Leben ereignet, intensiv zu durchleben, es also zu reflektieren und Problemen nicht auszuweichen, weder aus Bequemlichkeit noch aus Angst vor den Konsequenzen. Dem Wunsch, auf diese Weise Erfüllung zu finden, komme ich dadurch näher. Ich bin dankbar, dass mein Bruder mir das gezeigt hat.

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