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SWR2 Wort zum Tag

Nach Katastrophen gibt es Opfer und Überlebende. Zumindest unterscheiden wir so. Und übersehen dabei, dass auch Überlebende Opfer sein können. Daß es auch eine Last sein kann, davongekommen zu sein. Bei großen Katastrophen genauso wie bei Unfällen im privaten Bereich. Ich habe überlebt, die Beifahrerin ist umgekommen. Ich konnte mich aus der Lawine befreien, die anderen Wanderer haben es nicht geschafft. Und auch, und nicht zu selten: so und so viele Kollegen werden entlassen, ich gehöre zu den „Glücklichen", die ihren Arbeitsplatz behalten.

Im 1. Buch der Bibel gibt es auch so eine Geschichte. Da wird erzählt, dass zwei Städte vernichtet werden, Sodom und Gomorrha. Dort herrschten unhaltbare moralische Zustände, nur die Familie eines Mannes namens Lot ist moralisch integer. Deshalb lässt Gott die Städte in Feuer und Schwefel untergehen, schickt aber noch Engel, die Lot und seine Familie in letzter Minute aus der Stadt bringen. Gerettet! könnte man denken. Aber das gilt nicht für alle. Lot selber kommt klar mit der Rettung. Er lässt alles Schlimme hinter sich, bricht auf in ein neues Leben. Anders seine Frau. Sie guckt zurück, will einfach wissen, was da passiert, ist immer noch dem Ort und den Menschen verbunden, die gerade vernichtet werden. Für sie ist die Welt nicht Ordnung, weil sie und ihre eigene Familie gerettet sind. Sie blickt zurück und erstarrt, erstarrt zur Salzsäule, wie die Bibel erzählt. Sie blickt zurück auf die Katastrophe, der sie entronnen ist, und kann nicht mehr leben.
Die Geschichte von der Vernichtung von Sodom und Gomorrha ist wahrscheinlich entstanden, weil man sich damit besondere Erdformationen erklären wollte: Vulkangestein und eben auch ein Gebilde, das aussah wie eine Frau. Und es ging darum, von Gottes Treue zu reden gegenüber Menschen, die sich gut verhalten. Für mich würdigt diese Geschichte aber auch das Schicksal von Überlebenden, die Fähigkeit, das gerettete Leben wieder in die Hand zu nehmen, weiterzugehen, an einen neuen Ort, mit denen, die mir geblieben sind, nicht sich lähmen zu lassen vom Blick zurück, vom Schmerz des Verlustes, von Schuldgefühlen. Und auf der andern Seite ist hier das Leid derer gewürdigt, die nicht loskommen von ihren Erinnerungen, die das unbegreifliche Geschenk ihrer Rettung nicht annehmen können. Gerade Ihnen wünsche ich, nicht starr zu werden, sondern wenigstens kleine Schritte tun zu können, um nicht nur zu überleben, sondern auch gerettet zu sein.

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