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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Handle immer so, dass dein Handeln für jedermann jederzeit Gesetz werden kann." Immanuel Kant, der deutsche Philosoph hat das vor rund 220 Jahren geschrieben. Er traute der menschlichen Vernunft viel zu und hielt den Menschen für fähig, eine friedliche Gesellschaft aufzubauen. Eigentlich müsse es durch die menschliche Vernunft möglich sein, dass jeder von sich aus das Gute tut.
Klappt aber nicht. Der Mensch tut eben nicht das Gute, von dem er eigentlich weiß. Er unterlässt oft das Gute, gegen jede Vernunft.
Kants anfänglichem Optimismus folgt später sein berühmter Satz voller Skepsis: „Aus so krummem Holze, aus dem der Mensch gemacht ist, kann nicht gerades gezimmert werden."
„Krummes Holz"- eine gute Beschreibung für das, was wir sind, finde ich. Ich merke das immer wieder, wie krumm, wie brüchig unser Leben, unsere Beziehungen zueinander sind. Wenn alte Freunde mich enttäuschen, wenn jemand was verspricht und es nicht hält. Im Betrieb, in der Arbeit, in der Liebe, wo doch Verlässlichkeit so wertvoll ist.
Irgendwie tun wir oft das Gegenteil von dem, was wir als Gutes erkennen. Der Wille ist da, aber „das Fleisch ist schwach", schreibt Paulus in der Bibel und fügt ganz persönlich hinzu: „Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht."
Wie kann nun krummes Holz den aufrechten Gang lernen?
Erst einmal wohl, indem es sich aufrappelt. Vom Boden wegkommt. Aufrichtung, die unterscheidet den Menschen vom Tier und speziell vom Hund, der oft angeleint ist. Wir sind nicht angeleint, sondern frei und können unser Leben selbst bestimmt in die Hand nehmen. Gott will uns dabei ein verlässlicher Begleiter sein, wenn wir aufrecht ins Leben starten. Und er zeigt uns genau, wo es lang geht:
In die Liebe zum Nächsten. In meine Verlässlichkeit, wenn ich etwas verspreche. In meine Freundlichkeit am Arbeitsplatz. Gott hat Freude, wenn sich das krumme Holz in uns aufrichtet.
Wie schön, wenn da jemand lächelt und gerne sein Versprechen einlöst. Wie schön, wenn ich Freundlichkeit spüre, mitten in meinem Alltag. Umso leichter richte auch ich mich auf und werde in meinem Tun manchmal federleicht. Krummes Holz - aufrechter Gang - federleicht.
Gott, öffne mir heute die Augen. Für unser Miteinander. Begleite mich. Dass ich mich heute anstecken lasse von einem freundlichen Blick vielleicht, von einem guten Wort oder von einem gut gemeinten Lächeln. Amen

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