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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Viel ist in diesen Tagen von Rücktritten die Rede. Da interessiert mich doch, was in der Bibel zum Thema Rücktritt steht. Viele Beispiele zu diesem Thema gibt es nicht. Denn die Bibel erzählt meistens von Menschen, die ihr Amt oder ihre Aufgabe von Gott bekommen haben. Und von Gott trennt man sich nicht so ohne weiteres. Kann man von seiner Berufung durch Gott überhaupt zurücktreten?
Der Prophet Jona hat das getan. Oder genauer gesagt, versucht. Er bekam von Gott den Auftrag, die Bevölkerung von Ninive, der Hauptstadt des assyrischen Reiches, zur Umkehr und zur Buße aufzufordern. Den Herrscher der Großmacht inklusive. Diese Aufgabe hält Jona für reinen Selbstmord. Er als unbekannter Ausländer soll allein die Menschen in einer fremden Großstadt verändern? Lynchen werden sie ihn, sonst nichts. Prophet zu sein bedeutet scheinbar: Mission impossible. Wirklich ein unmöglicher Auftrag. Jona reicht seinen Rücktritt ein und tritt umgehend eine Seereise in die entgegen gesetzte Richtung an.
Doch so schnell gibt Gott nicht auf. Er schickt einen starken Sturm und den berühmten großen Fisch, der Jona verschluckt und nach drei Tagen bei Ninive wieder an Land ausspuckt. Jona hat die Botschaft Gottes verstanden und bleibt im Amt. Er nimmt sozusagen seinen Rücktritt vom Rücktritt. Als er dann in Ninive seinen Auftrag ausführt, kommt es ganz anders, als Jona das vermutet hatte. Obwohl er sich gar nicht bis zur Stadtmitte vortraut, kommt seine Botschaft an. Man hört auf ihn.
Jona ist ein guter Mann. Aber dazu gehören auch seine Schwächen, seine Ängste und Fehler. Wie bei uns allen. Von Jona lässt sich lernen, dass Beständigkeit im Amt und Schwäche einander nicht widersprechen. Sonst wäre ein Amt wirklich etwas Unmenschliches, etwas, das Menschen gar nicht übernehmen können. Nicht Vollkommenheit ist das Ziel, sondern die Fähigkeit, zu Fehlern zu stehen und daraus zu lernen.
Jona bleibt also im Amt. Und er bleibt er selbst. Gott weiß seinen Propheten so zu nehmen, wie er ist. Zurücktreten muss nur einer: der Gedanke, dass man im Amt perfekt sein muss

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