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SWR3 Gedanken

02AUG2010
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Kürzlich stand ich mit meiner Shakira an der Ampel. Sie ist jetzt drei und hat gerade gelernt, Fahrrad zu fahren. Auf dem Bürgersteig. Ganz vorsichtig. Um zum Kindergarten zu kommen müssen wir immer über diese Ampel. Und sie weiß jetzt endlich, dass man bei rot steht und bei grün geht. Wir stehen also da und warten, dass es grün wird. Zwei Jugendlichen geht es nicht schnell genug und sie laufen schon mal los. Autos kommen gerade nicht. Shakira sitzt mit ihrem roten Helmchen auf ihrem rosa Fahrrad und meint entrüstet: „Das dürfen die nicht!" Ich höre so richtig ihre Enttäuschung und Entrüstung. Sie hat jetzt gelernt wie man es richtig macht und die großen halten sich einfach nicht an die Regeln. Also rufe ich den Jugendlichen hinterher:
„Hey! Es ist rot!" und ich kann ziemlich laut rufen. Beide drehen sich lachend um. Also schiebe ich nach: „Ihr seid Vorbilder, so geht das nicht." Aber sie antworten nur lachend: „Wir wollen gar keine Vorbilder sein." Und laufen weiter. Weg sind sie. Ist das wirklich so einfach? Ich will kein Vorbild sein, ich darf mich benehmen wie ich will. Ich brauche mich nicht an Regeln zu halten. Fast jeden Tag ist es jemand anders, der bei rot mal eben schnell über diese Ampel huscht: Büroangestellte, Hausfrauen, Rentner, Schüler... Auch wenn ich kein Vorbild sein will, ich bin immer eines, werde immer beobachtet, von den anderen wahrgenommen. Shakira hat es auf den Punkt gebracht. Als es grün wird und wir lossausen, sagt sie noch rasch: „Die sind blöd."

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