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SWR2 Wort zum Tag

Emma ist acht. Wenn ihr Zimmer so richtig unordentlich oder der Bär ihrer kleinen Schwester mal wieder verschwunden ist, dann sagt sie meistens: „Das war der Heilige Geist!" Ich weiß nicht, woher sie diese Ausrede hat, aber ich vermute mal, der Heilige Geist ist für sie so etwas wie ein unberechenbares, aber sehr nützliches Gespenst.
Und was ist dieser ominöse Heilige Geist für mich? Schwer zu greifen jedenfalls. Meistens lasse ich ihn deshalb gerne beiseite und rede stattdessen von Gott als Vater oder von Jesus. Doch theologisch gesehen, werde ich den beiden kaum begegnen können, ohne es mit dem Heiligen Geist zu tun zu bekommen. Der Geist ist es, der mir im Gebet eine Begegnung mit Gott ermöglicht, der Gott aus der Bibel und aus Predigten zu mir sprechen lässt, der eine Begegnung mit Jesus bewirkt in Eucharistie und Abendmahl, in einer Gemeinschaft von Glaubenden. Das klingt vielleicht etwas nach theologischen Feststellungen, aber wenn ich mir das biblische Wort für den Heiligen Geist vornehme, dann ist das plötzlich ganz nahe liegend. Das hebräische Wort ruach ist im Original nicht nur weiblich, es bedeutet auch zuallererst Atem, Hauch, Wind. Der Atem Gottes versorgt uns mit dem, was wir für unser geistliches Leben, für die Spiritualität brauchen: Kontakt zu Gott, Wegweisung für mein Leben, eine Gemeinschaft, die mir Halt gibt und mich stärkt, Trost und Zuversicht in schweren Zeiten.
Dieser Atem Gottes ist nicht festzuhalten, er kommt und geht. Und meistens wird es wie bei unserem eigenen Atem sein: wir merken nicht mal, dass er kommt und geht. Das tröstet mich, wenn ich mal wieder denke, ich müsste eigentlich viel begeisterter von meinem Glauben sein oder viel frommer. Die Begeisterung muss mir nicht unbedingt auf der Stirn stehen, es reicht, wenn der Geist mein Leben durchzieht. Oder wenn ich das Gefühl habe, dass ich mal wieder ganz weit von Gott weg bin, dann kann ich mir sagen, vielleicht spüre ich ihn nur gerade nicht, weil er so selbstverständlich da ist. Vielleicht wird er später wieder greifbarer für mich da sein.
Der Geist als Atem Gottes - diesen Blick habe ich neu entdeckt, und er lässt mich hoffen, für mich selber, und auch für die Gemeinden, die ich erlebe und für die Kirchen. Wenn wir uns mal geistlos fühlen, dann muss das in Wirklichkeit gar nicht so sein, auf jeden Fall muss es nicht so bleiben. Ich jedenfalls will darauf achten, dass die Wege für die geistliche Frischluftzufuhr offen sind und durch nichts verstellt werden. Und dann wünsche ich mir, dass wir mal so richtig durchgepustet werden vom Atem Gottes.

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