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SWR4 Abendgedanken RP

„Kommt Zeit, kommt Rat", sagt das Sprichwort. Doch werden Entscheidungen automatisch besser, wenn man sie auf die lange Bank schiebt?
Was braucht es, um eine beherzte Entscheidung zu treffen?

 

mutig entscheiden

Was tat ich mich schwer mit dem Kauf der ersten Digitalkamera! Welches Fabrikat soll es sein? Wieviel Megapixel soll sie unbedingt haben? Welches Modell hat die besten Bewertungen bekommen? Im Freundeskreis gab es so viele Empfehlungen, wie ich Leute befragte. Doch dann war sie endlich gekauft: die Kamera mit dem angeblich besten Preis-Leistungs-Verhältnis. Ich war glücklich und zufrieden, bis - ja bis schon kurze Zeit später das Nachfolgemodell auf dem Markt war. Hätte ich mit dem Kauf doch noch warten sollen ... ? Habe ich mich zu schnell entschieden?

Warum tue ich mich manchmal so schwer mit Entscheidungen?
Dabei habe ich vor bald 50 Jahren eine viel folgenreichere Entscheidung getroffen. Und das ohne Kopfzerbrechen und grübelndes Zweifeln. Damals konnte ich meiner Freundin und späteren Frau schon bald nach unserem Kennenlernen sagen: „Ich habe mich für dich entschieden. Mit dir will ich zusammenleben." Mag ja sein, dass Liebe gelegentlich blind macht. Doch die Intuition, die Gefühle, vor allem das Herz und die Ausstrahlung dieses Menschen und manches andere mehr haben da mitgespielt. Der Kopf allein hätte es nicht fertig gebracht. Am Ende war es eine ganz bewusste Entscheidung.

Dass wir beide unsere Entscheidung nicht bereut haben, ich glaube, das hängt mit dem zusammen, was die Schweizer Psychoanalytikerin Katharina Ley  einmal so formuliert hat: „Wenn sich ein Mensch dafür entscheidet, bei seiner Partnerin, seinem Partner zu bleiben, fühlt sich die Beziehung anders an als vor der Entscheidung".

Man hat auf diese Weise vielleicht nicht den Traumpartner gefunden, aber die Chancen stehen nicht schlecht, sich diesen Traumpartner in gewisser Weise zu erschaffen. Indem man einfach dazu steht und sagt: „Ich habe mich für dich entschieden". 

Ein Plädoyer will ich darum halten: ein Plädoyer für den Mut, Entscheidungen zu treffen; ein Plädoyer für den Mut, aktiv zu werden und zu handeln.
Viele unserer täglichen Entscheidungen sind so banal, dass wir sie gar nicht erst registrieren. Doch dann gibt es Zeiten im Leben, da wird es uns drängend bewusst: Jetzt musst du handeln. Du musst dich stellen. Selten, dass wir den Zeitpunkt für solch eine Entscheidung frei wählen können.

Das konnten wir am 24. Februar vor dem Bildschirm miterleben: Da bezog Margot Käßmann, bis dahin EKD-Ratsvorsitzende und hannoversche Bischöfin, vor  laufenden Kameras eindeutig Stellung: „Hiermit erkläre ich, dass ich mit sofortiger Wirkung von allen meinen kirchlichen Ämtern zurücktrete". Die Sachlage ist bekannt. In der Pressekonferenz benannte sie, was ihr zur Entscheidung verholfen hat: „Einer meiner Ratgeber hat mir gestern ein Wort von Jesus Sirach mit auf den Weg gegeben: „Bleibe bei dem, was dir dein Herz rät" (37,17). Und mein Herz sagt mir ganz klar: Ich kann nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben".

„Was dein Herz dir rät" - ich übersetze das so: „Was für dich stimmig ist". Das heißt auch: Was sagt deine innere Stimme? Was entspricht deiner Bestimmung? Wenn du das für dich geklärt hast, dann kannst du mit deiner ganzen Person hinter deiner Entscheidung stehen und die Verantwortung übernehmen.

Was aber geschieht, wenn wir uns zu einer klaren Entscheidung nicht durchringen können? Wenn wir diese innere Stimme nicht hören oder spüren können? Darum geht's gleich nach der Musik.

Die Freiheit zur Entscheidung gehört zum Menschsein.

Machen wir Gebrauch von unserer Freiheit. Angst und Unruhe verschwinden erstaunlich schnell, ist erst einmal die Entscheidung zum Handeln gefallen.

Doch wie lässt sich diese Freiheit zu Entscheidung durchhalten, wenn die  Umstände ausweglos scheinen und uns glauben lassen, wir seien in jeder Hinsicht nur noch Opfer?
Dem jüdischen Psychoanalytiker Viktor Frankl verdanke ich eine Einsicht, die mir selber in dunklen Lebensphasen geholfen hat. Ausgerechnet im Konzentrationslager hat er am eigenen Leib entdeckt, „dass man", wie er schrieb, „dem Menschen ... alles nehmen kann, nur nicht: die letzte menschliche Freiheit, sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so einzustellen". Er bringt es auf den Punkt: Selbst im Konzentrationslager gab es ein „So oder so". Die Freiheit, sich zu den Umständen zu verhalten egal, wie diese Umstände sind - das hat für ihn entscheidend dazu beigetragen, die Hölle des Lagers zu überleben.

Ich kann nur hoffen und darum beten, dass ich mir diese Einstellung auch in künftigen schweren Zeiten bewahren kann.

Es gibt eine Zeit zum Entscheiden und es gibt eine Zeit zum Abwarten. Es braucht Zeit, in eine Entscheidung hineinzuwachsen, Mut zu sammeln, Kraft zu schöpfen, sich auf einen Lebenseinschnitt einzustellen. Es braucht Zeit, das rechte Maß an Geduld zu finden. Den dritten Weg zu finden zwischen Überforderung einerseits und sich träge und schlapp dahintreiben lassen andererseits.
Das muss wohl der Beter des 127. Psalms bedacht haben, als er zu bedenken gibt:

„Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht
und hernach lange sitzet
und esset euer Brot mit Sorgen;
denn seinen Freunden gibt es der Herr im Schlaf".

Man könnte dieses Psalmwort missverstehen als Evangelium für Langschläfer. Es ist aber die Einladung zum Vertrauen. Leben gelingt nicht schon dadurch, daß einer sich aufzehrt in krampfhaften, atemlosen Aktionen und quälendem Grübeln.

Blicke ich auf mein Leben zurück, entdecke ich: Längst nicht alles, was darin geworden ist, habe ich mit bewussten Entscheidungen herbeigeführt.  Manches, was ich immer wieder entscheiden wollte, habe ich doch laufen lassen - mal mit schlechtem Gewissen, mal mit guter Einsicht und Begründung. Am Ende aber hat sich vieles doch im Laufe der Jahre von selbst geklärt und entwickelt. Bei Vielem kommt es mir heute, im nachhinein vor, als ob darin eine Führung wäre. Und vielleicht ist das auch so: Der Mensch denkt, aber Gott lenkt, heißt ein Sprichwort. Ich habe die Erfahrung gemacht: wenn ich auf Gottes Führung vertraue, lässt mich das hoffnungsfroh in die Zukunft schauen. 

 

 

„Heute würde ich alles ganz anders machen ..." Wer kennt den Ausspruch nicht? Ob ich wirklich alles anders machen würde? Was mich betrifft, ich glaube eher nicht. Denn ich weiß ja, die Bäume wachsen bekanntlich nicht in den Himmel, und kein Mensch kann vollkommen aus seiner Haut schlüpfen.

Manche Lebensentscheidungen lassen sich natürlich rückgängig machen. Unter Umständen kann man sich ein neues Berufsfeld suchen, wenn die erste Wahl sich als eine Fehlentscheidung herausstellt. Doch die Mehrzahl der Lebensentscheidungen dürfte unumkehrbar sein.

Doch wie ist das mit den Fehlentscheidungen, deren Folgen nicht nur einen selbst, sondern auch andere belasten: die Familie, die Kollegen?

In meinem Beruf als Seelsorger habe ich Menschen kennengelernt, die anderen vieles verzeihen konnten. Eines aber konnten sie nicht: sich selber das eigene Fehlverhalten verzeihen. „Dass mir so etwas passieren konnte! So kenne ich mich gar nicht", klagte einer von ihnen. Ja, der Mann hat recht: So kannte er sich bis dahin nicht. Er kannte von sich selber nur die eine Seite: die lebenstüchtige, die korrekte, die erfolgreiche Seite. Welch eine Erschütterung, sich plötzlich konfrontiert zu sehen mit der anderen, der dunklen Seite. Nein, so kannte er sich nicht: egoistisch und versagend. Als jemand, der sich verspekuliert und andere mit reingerissen hat. Nein, so kannte er sich nicht.

Doch einer ist da, der sagt: Ich kenne dich wohl - auch mit deiner dunklen Seite. Du bist manches schuldig geblieben und du bist auch schuldig geworden. Aber eines sollst du wissen: Du als Person hast deine Daseinsberechtigung nicht verwirkt durch das, was du getan oder zu tun unterlassen hast. Ich, dein Gott, gehe mit dir barmherziger um, als du es mit dir selbst tust."

Ich, dein Gott, habe mich ein für allemal entschieden: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu eingesetzt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt" (Joh. 15,16). Menschliches Versagen kann diese fundamentale Entscheidung nicht hinfällig machen.

Wenn das so ist, dann hat das Folgen: Ich kann es mir leisten, die Verantwortung für meine Entscheidung zu übernehmen. Dann kann ich mir erlauben, auch eine Fehlentscheidung als solche zu benennen. Dann muss ich nicht aus Scham im Erdboden versinken, sondern kann mutig genug sein, genau hinzuschauen und wahrzunehmen, wie es zu dem Desaster kommen konnte. Denn ich bin nicht dazu verdammt, die gleichen Fehler immer und immer wieder zu machen.

„Nicht ihr habt mich erwählt", sagt Gott, „sondern ich habe euch erwählt und dazu eingesetzt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt". Wenn das so ist, dann dürfen wir selbst im Scheitern die Gewissheit für uns in Anspruch nehmen, die Margot Käßmann im letzten Satz ihrer Presseerklärung so benannt hat: „Ich weiß aus vorangegangenen Krisen: Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand. Für diese Glaubensüberzeugung bin ich auch heute dankbar".

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