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SWR4 Sonntagsgedanken

Teil I
Heute ist die Abschlussfeier der Olympischen Spiele in Vancouver. Zweieinhalb Wochen lang konnten wir die Leistungen der Spitzenathleten bewundern. Mit ihren Rekorden kön-nen sich viele identifizieren. Ich kenne viele, die bei ihnen ihren eigenen ersehnten oder auch verpassten Möglichkeiten nachträumen. Die olympischen Tugenden des „immer schneller, weiter und höher“ wecken die Wünsche vieler Zuschauer, immer neue Grenzen zu überschreiten. Sie nähren die Träume nach der besten aller Welten. Doch auch dies-mal war es wieder zu erleben: Diese olympische Leistungsschau hat ihren Preis, sie for-dert ihre Opfer. Der Kampf gegen das Doping wird immer dringlicher und komplizierter. Überzogene Wettkampfbedingungen haben sogar ein Todesopfer gefordert. Zahllose Sportinvaliden lassen es nicht länger zu, die Risiken dieser „Kämpfe“ nur zu diskutieren. Mehr Sicherheit im Leistungssport wird deshalb zur Losung dieser Tage.

Viele nennen unsere Gesellschaft im ganzen eine „Leistungsgesellschaft“ und sind stolz darauf. Aber gerade bei den Erfahrungen aus dem Bereich des Sports sollen wir aufmer-ken und uns erinnern: Mit dem Leistungsgedanken ist in der Geschichte Europas das Ver-sprechen von Freiheit und Würde verbunden. Denn als es noch Kaiser und Könige gab, waren politische Stellung und gesellschaftliche Macht an Geburt und Stand gebunden. Wer niedrig geboren war, blieb unten. Da war nichts zu machen. Erst im Bürgertum der Neuzeit wurde es möglich, sich mit persönlicher Leistung einen eigenen Platz zu erarbei-ten. Die Stellung in der Gesellschaft war nicht länger an ererbte Güter gebunden. Nein, sie konnte durch eigene Anstrengung und Arbeit geschaffen werden. In diesem Sinne hat Leistung in unserer Kultur dazu beigetragen, dass jeder Mensch sich nach seinen Fähig-keiten und Begabungen entfalten kann.

Aber diese Geschichte hat auch eine dunkle Seite. Wo Leistung zum Gesetz erklärt wird, scheint sich diese Befreiungsgeschichte in ihr Gegenteil zu verkehren. Ungezügelter Wettbewerb führt zur Konkurrenz aller gegen alle. Er lässt die Leistungsstärkeren siegen, und die Leistungsschwächeren bleiben auf der Strecke. Und was am gravierendsten er-scheint: Inzwischen durchdringt der Leistungszwang alle Lebensbereiche. Nur die Starken können sich behaupten. Für die Schwächeren bleibt kein Platz mehr.

Glücklicherweise gibt es noch eine andere Botschaft. Die ist sehr viel stärker und tragfä-higer als jedes Leistungsprinzip. Diese Botschaft lautet: Das Leben ist dir und mir ge-schenkt. Und das musst du dir nicht verdienen. Unabhängig von unseren Leistungen ha-ben wir das Recht zu leben. Gut und erfüllt zu leben. Kein Erfolg und keine Niederlage kann daran etwas ändern.

Teil II
In der Bibel finden wir zum Thema Leistung zwei scheinbar gegensätzliche Geschichten: Jesus kritisiert jenen Tagelöhner, der seine Talente vergräbt, weil er Angst hat, zu versa-gen – anstatt auf Risiko zu gehen und mit seinen Begabungen zu wuchern so gut er kann. Aber Jesus nennt den reichen Kornbauern, der es geschafft und alles erreicht hat, auch einen Narren – warum? Weil der seinen Reichtum nicht zu teilen bereit ist. Seinen Reichtum, den er durch viele Leistungen und womöglich auch manchen Betrug erwirt-schaftet hat. Beide Geschichten helfen mir im Umgang mit meinen Leistungen. Sie lassen mich danach fragen, woher meine Leistungen kommen, was sie kosten, mich und die Menschen, mit denen ich zusammen lebe. Und sie muten mir die Frage zu, wozu meine Leistungen dienen, was ich mit meinen Leistungen erreichen will.

Die Geschichten, die Jesus erzählt hat, erinnern daran, dass unsere Leistungen den Men-schen dienen sollen, denen, die mir nahe stehen und denen, die anderswo Hilfe brauchen auch. Doch auch wir selbst müssen immer wieder daran erinnert werden: Vermutlich je-de Familie kennt die Auswirkungen des „burn-out“, wenn berufliche Anforderungen über den Kopf wachsen. In einer Gesellschaft, die so auf Leistung setzt, ist dies die Kehrseite. Deshalb gilt es zu erinnern: Nur wer die Ruhepausen kennt und feiert, bleibt verschont von den Kräften der Selbstzerstörung, in die uns gerade unsere guten Leistungen treiben können.

Ich finde es deshalb gut, dass den Olympischen Spielen die „Paralympics“ folgen, die Wettkämpfe der Behinderten. Sie stehen weniger unter Rekordzwang. Nicht das „schnel-ler, weiter, höher“ steht im Mittelpunkt dieser Wettkämpfe, sondern das Mitmachen, das sich Begegnen, das gemeinsame Feiern. Wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Paralympics ins Zentrum der Öffentlichkeit treten, dann erinnern sie uns daran: Es gibt eine Würde des Menschen, die unabhängig ist von unseren Leistungen. Für mich sind die Paralympics ein Beispiel für jene Tugenden des „langsamer, näher, tiefer“. Sie sind ein Beispiel für gelungene menschliche Begegnungen, ohne die unsere Leistungsgesellschaft zu erkalten und zu zerbrechen droht.

Ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag. https://www.kirche-im-swr.de/?m=7805