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SWR3 Gedanken

„Ohren sehen mehr als Augen“ – das klingt wunderbar widersprüchlich und darum gefällt mir dieser Satz des Schriftstellers Manfred Hinrich. Ich mag diesen Satz auch weil er den Hörsinn des Menschen in den Mittelpunkt stellt. Weil er sagt, dass man oft mehr erkennt, wenn man genauer hinhört. Beim Sprechen auf Töne, Zwischentöne achtet. Aber der Hörsinn wird seit es Bücher, Filme und das Internet gibt völlig untergebuttert. Wir leben in einer „Sehkultur“. Permanent springt einem etwas ins Auge. Dabei ist der Hörsinn doch mindestens genau so wichtig wie der Sehsinn. Das Ohr ist das Sinnesorgan, das als erstes entwickelt ist beim Menschen. Ab dem 4. Monat hört das Baby im Bauch: die Stimme der Mutter, das Glucksen des Fruchtwassers oder gedämpfte Musik von außen. Und hören ist nach allem was wir wissen wohl auch die letzte Sinnenwahrnehmung bevor wir sterben. Das Auge führt den Menschen nach außen in die Welt, das Ohr nimmt auf, führt nach innen.
Viele Menschen können aber nicht nach innen Hören, weil sie die Stille nicht aushalten. Weil sie sich man dann verlassen fühlen. Oder weil scheinbar die Lebendigkeit aus dem Leben genommen ist, wenn es geräuschlos wird. Aber die Stille ist die Voraussetzung nach innen zu hören. Wodurch das Hören dann zum Horchen wird. Wenn es mir immer mal wieder gelingt den äußeren Lärm abzustellen, dann verhallt nach und nach auch der innere Lärm. Das ganze Durcheinander von Gedankenfetzen und innerem Stimmengewirr. Und ich kann ruhig werden, zu mir kommen, bei mir sein. Und so, ja vielleicht nur so wird es dann möglich, dass meine Ohren mich mehr, viel mehr sehen lassen als meine Augen.
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