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SWR2 Wort zum Tag


Wichtige Zeiten im Leben brauchen eine Vorlaufzeit. Es gibt Menschen, die sich auf den ersten Blick verlieben. Doch heiraten werden auch sie nicht von einem Tag auf den anderen.
Ich meine, Vorlaufzeiten sind uns Menschen angeboren. Wir springen nicht als fertige Wesen unseren Eltern aus dem Kopf wie einst die Göttin Athene dem Göttervater Zeus. Wir Menschen brauchen eine Weile! 9 Monate haben Mütter Zeit, um sich auf die Geburt ihres Kindes vorzubereiten. 9 Jahre ist der Mensch schulpflichtig bis zur Hauptschulreife. Auch die großen Kirchenfeste haben eine Vorlaufzeit: Sieben Wochen vor Ostern, eine Woche vor Pfingsten und immerhin vier Wochen vor Weihnachten. Vorlaufzeiten sind spannend, weil sie so abgründig und vielschichtig sind. Da kommt in der Verlobungszeit schon einmal die Frage auf, ob der andere tatsächlich der Richtige ist, da fragen sich Eltern, ob sie den Anforderungen eines kleinen Kindes tatsächlich gewachsen sind. Da ist ganz viel Liebe und zugleich die Angst davor, nicht genug lieben zu können - oder auch nicht genug geliebt zu werden. Und so liegen in diesen Zeiten himmelhoch jauchzende Begeisterung und unruhige Bangigkeit manchmal ganz nahe beieinander. Folgerichtig sind auch die Lieder der Adventszeit nicht durchgehend fröhlich, viele dunkle Töne gehören dazu. „Wie soll ich dich empfangen?“ fragt Paul Gerhardt in einem Adventslied, und das klingt verzagt und zärtlich zugleich, sehnsuchtsvoll und zögernd. Auch das Wort „empfangen“ ist so vielschichtig, kann die Begrüßung eines Königs genauso meinen wie die Zeugung eines Kindes und den Liebesakt. In der Tat kommt an Weihnachten all dies zusammen. Mich darauf vorzubereiten, auf die Geburt meines Königs, auf den Gott und Menschen, der mich mehr liebt als ich mich selbst, dafür braucht meine Seele Zeit. Die Adventszeit schreitet das aus, gestaltet mit ihren Ritualen den Weg zum Fest. Jede Kerze, die ich anzünde, kann mir so zum leuchtenden Fingerzeig werden, zum Licht, das in der Nacht angezündet wird und den Weg zum Ziel weist.
Sicher, manchmal würde ich auch am liebsten diesen Prozess abkürzen, so wie ein Kind. Erwachsen geworden weiß ich, dass ich Zeit brauche, dass ich mir die ganze Freude am Fest nehmen kann, wenn ich nicht auch die Höhen und Tiefen durchhalte, die zur Vorbereitung dazugehören.
Am Ziel geschieht die Geburt, am Ziel ereignet sich das Fest. Und ich merke dann, rückblickend, dass ich meine Zeit gebraucht habe, um jetzt aus vollem Herzen, strahlend und geliebt, mitfeiern zu können.

Mittwoch, 2.12.09
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