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SWR2 Wort zum Tag

30NOV2009
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Wenn Sie - wie ich - überzeugter Frühaufsteher sind, werden Sie die Stunde kurz vor der Dämmerung kennen. Es ist die dunkelste Stunde der Nacht. Noch erhellt kein Lichtstrahl die Welt. Dann erst, ganz zart - färbt sich zögernd die erste Wolke. Konturen schälen sich aus der Dunkelheit - noch verschwommen, langsam immer deutlicher werdend. Die Nacht ist vorgerückt - der Tag aber nahe herbeigekommen.
Die Stunde vor der Dämmerung, die ersten Strahlen des Lichts, sie verkünden uns: Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. Es ist jetzt Zeit, gute, segensreiche Zeit, aufzustehen, auch seelisch aufzuwachen. Warte ich eigentlich noch sehnsüchtig auf das Licht? Oder bin ich so traurig, dass ich die Hoffnung auf die Morgendämmerung verloren habe? Kann es sein, dass wir so viel Lichter anzünden, weil wir keine Geduld mehr zum Warten in der Dunkelheit haben?
Doch das Warten gehört dazu. Ich kann die Zeit des Wartens in der Dunkelheit nicht überspringen sondern muss sie aushalten. Und Vorsicht ist geboten, weil mir die Überzahl an Lichtern in dieser Zeit das Gefühl für die Dunkelheit nehmen kann - und damit auch das Gespür für die nahende Dämmerung. Wenn ich nicht mehr weiß, was mein Leben verdunkelt, weil ich nicht hinsehen will, dann kann ich mich auch nicht über das freuen, was es erhellen, erleuchten will.
Ein Licht brennt auf dem Adventskranz. Ein zarter, kleiner Hoffnungsschimmer. Wie wohltuend, wenn es eine Kerzenflamme ist, ein warmer Halt, kein aufdringliches Neonlicht.
Mitten in der Dunkelheit kann ich mich sehr einsam fühlen, und wer kennt nicht die einsam durchweinten Nächte. Mit den ersten Lichtstrahlen aber zeigen sich die Konturen: ich bin nicht allein. Ich warte nicht allein, da sind viele, die sich befreien lassen wollen von dem, was sie zurückziehen will in die Dunkelheit. Die Gesichter der anderen erkenne ich mit dem zunehmenden Licht, sie gewinnen Konturen. Ich bin nicht allein. Viele warten, warten in diesem Advent. Es mag kalt sein, dunkel und schwer, gemeinsam können wir warten, der Dunkelheit standhalten, und - wenn es gut geht - spüren: Wir sind schon jetzt geborgen bis zum strahlenden Tag.

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