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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Aber eigentlich“, sagt die Frau, „eigentlich darf ich doch keine Angst haben. Ich glaube an Gott. Da darf ich doch keine Angst haben, nicht wahr?.“ Ängstlich sieht sie mich an, als fürchte sie ein Donnerwetter. Dann erzählt sie, dass ihre Freundinnen zu ihr sagen: „Wenn du richtig beten würdest, hättest du keine Angst. Ein Christ hat keine Angst,“ sagen die.
Mich bedrückt sehr, was diese Frau erzählt. Ein schlimmes Bild von Gott hat sich in ihr verfestigt. Gott wie ein Automat, dem sie eine bestimmte Menge an Gebeten zu liefern hätte? Und wenn sie nicht fest genug betet, ist sie selbst schuld an ihrem Unglück – denn hätte sie mehr gebetet, würde es ihr gut gehen. Was für eine enge Vorstellung vom Beten! Was für eine erschreckende Vorstellung von Gott.
Aber ich weiß, viele haben „Gott“ so gelernt und leiden darunter. Sie fürchten sich, fühlen sich immer schuldig. „Bete ich zuwenig, glaube ich zuwenig, weil ich doch Angst vor der Zukunft habe?“ fragte denn auch die Frau. Und weil sie so sehr an ihrem Glauben zweifelt, sage ich ihr einen heilsamen Satz aus der Bibel: „In der Welt habt ihr Angst. Aber siehe, ich habe die Welt überwunden“. In diesem Satz ist alles drin, was sie momentan braucht: Da ist von Angst die Rede, und wie die Angst überwunden wird. Dankbar nickt die Frau. Ach so ist das - sie darf Angst haben, weil das Leben manchmal beängstigend ist. Und sie ist damit nicht allein. Dieses Schicksal teilen wir Menschen alle, ob gläubig oder nicht.
Aber der Satz aus der Bibel zeigt eine Möglichkeit, wie es vielleicht leichter wird mit der Angst: „In der Welt habt ihr Angst. Aber siehe, ich habe die Welt überwunden“. Gott – als der, der die Welt in seinen Händen hält – Gott verspricht ein Ende der Angst. Nicht der Mensch muss sich selbst erlösen, sondern Gott erlöst den Menschen. Er weiß um die Ängste der Menschen, und um alle Sorgen. Und er hat ein Herz dafür.
Noch einmal nickt die Frau. „Ja“ sagt sie. „Jetzt verstehe ich, wie ich beten könnte: Wenn ich Gott meine Angst zeige, vielleicht kann ich sie dann selber auch leichter ertragen“. Und einen Moment später sagt sie noch: „Das ist schön!“

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