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SWR2 Wort zum Tag

Eine schwere Operation stand ihm bevor. Ob sie gelingen würde, war ungewiss. Er hat, bevor er ins Krankenhaus ging, aufgeschrieben, was ihm in seinem Leben wichtig war und was er für seine Bestattung wünschte. Der Gang ins Krankenhaus war dann auch ein Abschied von seinen Angehörigen – trotz der Hoffnung, dass alles gut gehen würde. Die-se Hoffnung hat sich erfüllt. Das Leben wurde ihm noch einmal geschenkt. Er hat es so empfunden und auch so gesagt.

In der Gefährdung des Lebens geht einem auf, dass es nicht selbstverständlich ist, wenn man aus der Gefahr gerettet wird und leben darf. Und oft ist es dann auch so, dass ei-nem wichtig wird, was bisher eher nebensächlich war. Man kann sich plötzlich über Dinge freuen, die man vorher selbstverständlich angesehen oder übersehen hatte. Man ent-deckt, wie viel man nicht sich selbst, sondern glücklichen Umständen und anderen Men-schen verdankt. Man meint, so etwas wie Führung sehen zu können, Spuren einer Hand, die das Leben lenkt, bewahrt und schenkt.

Es ist Geschenk. Das ist so auch mit dem Glauben, mit dem Vertrauen, dass man tat-sächlich von Gott geführt und gehalten wird. Der Brief an die Epheser sagt es so: Aus Gnade seid ihr gerettet worden durch den Glauben, und das nicht aus euch; Gott hat es geschenkt. Mit dem Wort Gnade ist die Geschichte Gottes mit den Menschen zusammen-gefasst, besonders Jesu Geschichte. Sie bedeutet, dass es Rettung auch aus der größten Gefährdung des Lebens gibt: Man kann aus den Augen verlieren, dass Gott einen führt und festhält. Es gibt ja nicht nur Rettung und Bewahrung in unserem Leben. Eine Opera-tion kann misslingen, und ein naher Mensch wird aus dem Leben gerissen. Es gibt nicht nur Heilung und Genesung, sondern auch die Krankheit oder die Behinderung, die man sein Leben lang nicht mehr loswird. Es gibt Konflikte, die einen zermürben und die nicht enden wollen. Und es gibt Versäumnisse und Versagen, die man nicht wieder gut machen kann. All dies kann sich wie eine dunkle Wolke vor Gottes haltende Hand schieben. Alles scheint dann sinnlos. Ein Abgrund tut sich auf, der Abgrund der Verzweiflung, in den man zu stürzen droht. Es ist der Glaube, der vor diesem Abgrund bewahrt. Denn der Glaube hängt nicht an den Erfahrungen, die in den Abgrund ziehen. Er hält sich fest an der Ge-schichte Gottes mit den Menschen, an den Worten, die nahe bringen, dass Jesus Christus Gottes Liebe unwiderruflich in die Welt gebracht hat. Mit einem solchen Glauben hört man nicht auf, darauf zu vertrauen, dass man geführt und gehalten wird. Diesen Glauben kann man sich nicht selbst geben. Er hängt nicht an unserem Tun oder Lassen. Er ist Geschenk.
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