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SWR2 Wort zum Tag

Warum wurde Gott Mensch? Musste das sein? Warum musste der irdische Weg des Gottessohnes so grausam am Kreuz enden? Diese Fragen versuchte ein Kirchenlehrer des frühen Mittelalters zu beantworten: Anselm von Canterbury. Heute vor 900 Jahren ist er gestorben. Im italienischen Aosta wurde er geboren.
Er trat in den Benediktinerorden ein und wurde Jahre später Abt des Klosters Bec in der Normandie. Dann hat man ihn zum Erzbischof von Canterbury berufen. Sein großes Thema war das Verhältnis von Glaube und Vernunft. Glaube muss für ihn zum Verstehen führen. Und dabei kann die Vernunft das Geglaubte dann auch plausibel machen.

Genau dies versuchte er auch in seinem Werk "Cur deus homo – Warum wurde Gott Mensch?" Mit zwingenden Vernunftgründen wollte er nachweisen, dass dies sein musste.
Und das waren seine Argumente: Der Mensch ist von Gott abgefallen, schuldig und Gottes Feind geworden. Daran haben alle Menschen Anteil; alle sind Sünder. Weil Gott gerecht ist, kann er das nicht hinnehmen. Bleibt also nur die Strafe – und das heißt die Vernichtung des Menschengeschlechts? Denn Menschen können ja nichts tun, was die Sünde ausgleichen könnte. Gott ist aber nicht nur gerecht, er ist auch barmherzig. Darum kann er die Vernichtung der Menschen nicht wollen. Andererseits kann er sich mit den Menschen nicht versöhnen, wenn deren Schuld nicht angemessen ausgeglichen wird. Dies konnte aber nur Gott selbst leisten. Darum musste er in Jesus von Nazareth Mensch werden und hat am Kreuz durch sein Opfer für die Sündenschuld der Menschen die notwendige Genugtuung geleistet und die Rettung schuldiger Menschen möglich gemacht.

Ist das plausibel? In einem entscheidenden Punkt wird man Anselm nicht folgen können. Auch im Neuen Testament wird zwar menschliche Schuld nicht nur als einzelne Tat verstanden, durch die man Gott oder einem Mitmenschen etwas schuldig bleibt. Sünde ist vielmehr die totale Entfremdung von Gott, die man nicht selbst überwinden kann, auch
wenn man sich noch so sehr anstrengt. Darum ist in einem Menschen Gott selbst zu uns gekommen. Im Menschen Jesus hat er unser Leben gelebt und ist unseren Tod gestorben.
So ist er uns nahe gekommen. Der grausame Tod am Kreuz ist aber nicht das blutige Opfer, das Gott als Genugtuung, braucht. Das Opfer am Kreuz war Hingabe, Liebe, auf die wir angewiesen sind. Denn an ihr sollen wir erkennen, dass es nichts gibt, keinen Abgrund, in dem uns Gott nicht erreichen könnte. An Jesu Leben und an seinem Sterben kann uns aufgehen, dass uns von Gottes Liebe nichts trennen soll.
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