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SWR2 Wort zum Tag

12FEB2009
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In der Schule ist der Computer kaputt gegangen. Keiner ist es gewesen. Der Lehrer droht mit Sanktionen für die ganze Klasse, wenn sich der Schuldige nicht meldet, alle schauen betreten vor sich, doch niemand übernimmt die Verantwortung. Einer muss es ja gewesen sein, und dem fehlt es ganz offensichtlich an Mut, das zuzugeben. Letztlich wird die Klassenkasse die Kosten übernehmen müssen. Ob sich der Verantwortliche wohl in seiner Haut fühlt? Was ist schlimmer: Flagge zeigen oder sich verkriechen?
Warum ist es so schwer, Fehler einzugestehen? Warum windet sich Herr Mehdorn, warum fällt das den Verantwortlichen der Bankenkrise so schwer, warum selbst dem Papst? Was ist schlimm daran zu sagen: Ich habe hier eine falsche Entscheidung getroffen? Ich habe mich geirrt. Ich finde, gerade wenn ich Verantwortung übernehme auch für meine falschen Entscheidungen, dann kleben meine Fehler nicht an mir wie Pech und Schwefel, dann kann ich sie mit einer heilsamen, ja barmherzigen Distanz betrachten. Ich bin mehr als meine Fehler! Und kein Fehler entscheidet über meine Persönlichkeit! Es hat viel mit Wahrhaftigkeit zu tun, wenn ich mich meinen Fehlern stelle, und mit menschlicher Größe, auch dann, wenn sie Folgen haben, möglicherweise sogar vor Gericht.
Ich nehme wahr, dass wir hier in Deutschland nicht das rechte Geschick im Umgang mit Fehlern entwickelt haben. Unsere Umgebung ist nicht fehlerfreundlich, sondern gnadenlos. Wer Fehler eingesteht, riskiert, ungeschützt abgekanzelt und verurteilt zu werden. So entsteht eine merkwürdige Verschleierungskultur, eine mutlose Stimmung, möglicherweise sogar ein Grundgefühl der Angst. Deshalb erwarte ich gerade von den Menschen in der ersten Reihe unserer Gesellschaft, dass sie sich durch einen offenen Umgang mit ihren Fehlern auszeichnen und sie nicht erst dann einräumen, wenn ihnen kein anderer Ausweg mehr bleibt. Nur so kann sich diese ungute Atmosphäre verändern.
Wirklich Sorgen bereiten mir darüber hinaus die ewig Gestrigen, die unbeirrt ihre Fehler als Wahrheit verkünden und sich auch durch Beweise nicht überzeugen lassen.
Ihre Fehler sind glücklicherweise immer ein Straftatbestand. Gut, dass es hier in Deutschland verboten ist, falsche Informationen über die Judenverfolgung zu verbreiten. Denn hier besteht leider meistens keinerlei Einsicht in die eigenen Fehler. Und das hat unmenschliche Konsequenzen, denen unsere Justiz zu Recht einen Riegel vorschieben muss.
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