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SWR4 Abendgedanken RP

Wie wir den Tag beginnen, stellt oft schon eine Weiche dafür, wie es weitergeht. Das liegt nicht so sehr daran, ob wir mit dem linken oder mit dem rechten Fuß zuerst aufstehen. Die ersten Gedanken im Kopf, die stellen die Weichen. Damit es ein guter Gedanke sei, wird seit 1728 für jeden Tag ein eigener Bibelvers ausgelost. Die so genannten Herrenhuter Losungen. Warum weltweit heute über 50 Millionen Menschen daran teilhaben, darum geht´s heute in unserem SWR 4 Blickpunkt.

Teil 1
SWR 4, Blickpunkt Kirche heute über die Herrnhuter Losungen, Bibelverse für jeden Tag und ein besonderer für das ganze Jahr.
Astrid Bräuer aus Ingelheim ist Krankenschwester auf einer Säuglingsstation. Jeden Tag begegnet sie neugeborenen Kindern, jungen Müttern und Vätern. Eine Arbeit, die viel Fingerspitzengefühl verlangt.

Praxis ist für mich, da ich morgens sehr zeitig aufstehen muss: Losung lesen gehört zur Tasse Kaffee dazu, das ist für mich der Start in den Tag.

Bestimmt kennen Sie das: der Tag verläuft anders, je nachdem, wie ich morgens starte. Wenn ich in den Spiegel schaue und muffig feststelle: Kenn´ ich nicht, wasch´ ich nicht! dann wird auch der weitere Tag entsprechend. Ganz anders wenn ich mir zulächle: Nett, dich zu treffen!
Noch besser als solche Selbstgespräche ist es, wenn ich mich von jemand anderem mit einem guten Wort in den Tag schicken lasse. Das kann jemand aus meiner Familie sein, aber es kann auch einen viel weiteren Horizont haben - als gute Nachricht von Gott.

Astrid Bräuer:
Aufgewachsen bin ich im Herzen der Oberlausitz und damit in der Heimat der Herrnhuter Losungen. Da ich in einem christlichen Elternhaus geboren worden bin, gehörte das Lesen der Losungen einfach zu einer Alltäglichkeit. So bin ich damit aufgewachsen und habe die Losungen kennen- und schätzengelernt.

Dort, in Hernnhut, hat die Tradition mit den Sprüchen für jeden Tag begonnen.
Am 3. Mai 1728 hat Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, der Gründer der Brüdergemeinde in Herrnhut zum ersten Mal einen Vers für den nächsten Tag in die 32 Häuser des Ortes tragen lassen. Ganz im Sinne der Sprüche Salomos, wo es heißt: „Ein guter Mut ist ein tägliches Fest“. Aus diesem Anfang entstand 1731 das erste Losungsbuch. Seit dieser Zeit kommen einmal im Jahr die Mitglieder der Herrnhuter Gemeinde zusammen und jeder zieht wie bei einer Lotterie ein alttestamentliches Bibelwort für jeden Tag des Jahres aus einer silbernen Schale. Dazu wird ein passendes neutestamentliches Wort ausgesucht. Diese Texte werden dann in den "Herrnhuter Losungen" veröffentlicht. Ein kleines blaues Heft, das man überall in der Welt in 50 Sprachen kaufen und jeden Morgen zur Hand nehmen kann. Astrid Bräuer hat so gelernt, ihr Leben anders, eben in einem größeren Zusammenhang zu sehen:

Sehr oft hab ich erlebt, wie das Losungswort, das für den Tag gelost worden ist, genau in meine Lebenssituation passt. Bestes Beispiel ist dafür die Jahreslosung 2002: Ja, Gott ist meine Rettung, ihm will ich vertrauen und nicht verzagen. Wir waren in einer Situation, wo mein Mann und ich beide arbeitslos waren, wir wussten einfach nicht, wie es weitergeht. Im Vertrauen auf dieses Wort haben wir dann einfach Ausschau gehalten nach neuer Arbeit und haben neue Arbeit gefunden.

Ein Bibelwort zaubert keine neue Arbeitsstelle herbei, aber es kann mich verändern und die Art, wie ich suche und wie ich meine Lebenssituation bestehe.
Isabell Claßen aus Mainz hat in einer dramatischen Lebenssituation sehr viel Rückendeckung durch die Jahreslosung erlebt.

Teil 2
Der SWR 4 Blickpunkt Kirche heute abend zum Thema Losungen, Leben mit bestimmten Bibleversen für jeden Tag und für das ganze Jahr.

Die Jahreslosung 2006 ist mir sehr wichtig gewesen im letzten Jahr, das hat was damit zu tun, dass am Silvesterabend 2005 ein naher Verwandter von mir Selbstmord begangen hat und dann am Neujahrsmorgen hab ich das gehört und diese Jahreslosung dazu und die heißt: Gott spricht: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht. Ja, auf einmal passte das genau in diese Situation rein, die da an diesem Morgen war. ….

In den Schock über die Nachricht hinein sah es für Isabell Claßen so aus, als wäre die neue Jahreslosung genau für sie bestimmt. „Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht“ – dieser Vers aus alttestementlicher Zeit ist ursprünglich eine Zusage an Josua, der voller Sorge und Angst auf die vor ihm liegende Zeit und das unbekannte Land schaut, in das er mit dem Volk Israel ziehen soll.
Weil Gottes Wort und Zuwendung zu uns Menschen ewig ist, gilt sie über die Jahrtausende hinweg. Und sie gilt auch, wenn wir sie nicht sehen oder spüren können. Sie gilt auch für einen Menschen, der im Tod den einzigen Weg aus seiner Lage sieht.

Ja wo dieser Mensch völlig verlassen war und sich auch völlig verlassen gefühlt hat, da zu wissen, dass es gilt, dass Gott ihn nicht verlassen hat und dass Gott ihn auch nicht hat fallen lassen, sondern dass er auch in dieser Situation und da ganz dicht und nah bei ihm war –

das hat Isabell Classen den ganzen Trauerweg anders gehen lassen als wenn sie das alles mit sich alleine hätte bewältigen müssen.

Immer dann, wenn ich mich erinnert hab wie grausam und schrecklich das war oder wie mich das auch prägt oder mir das Schmerzen zufügt, dann war auch immer ganz gleich und ganz dicht und ganz nah diese Jahreslosung, als Trost für mich selbst und als Hoffnungsschimmer auch in diese Trauer und ja in dieses Nichtwissen, wie geh ich damit um, hinein.

Schon immer gehört es zu den wichtigen Übungen unseres Glaubens, sich nicht von negativen Gedanken und schlechten Einflüsterungen beherrschen zu lassen. Nicht nur ich selbst, sondern auch die Menschen meiner Umgebung haben etwas davon, wenn ich den Tag beispielsweise mit der biblischen Losung beginne und über den Tag hinweg negativen Einflüssen mit einem positiven Satz begegne. Das macht der Rat eines Mönchs aus alter Zeit deutlich. Er sagt: „Wenn du dich vom Schlaf erhebst, dann öffne als allererstes deinen Mund zum Lob Gottes und stimme ein frohes Lied an. Denn die erste Beschäftigung, mit der sich der Geist morgens abgibt, hält an, so wie ein Mahlstein den ganzen Tag über mahlt, was ihm vorgesetzt wird, sei es nun Weizen oder Unkraut. Daher sei du immer der erste, um Weizen hineinzuwerfen, bevor dein Feind Unkraut hineinwerfen kann.“
Manfred Domrös ist Professor für Geographie in Mainz. Von seinen interessanten Erfahrungen mit den Herrnhuter Losungen werde ich Ihnen nach der Musik erzählen.

Teil 3
Blickpunkt Kirche in SWR 4 heute Abend zu den Herrnhuter Losungen, biblische Impulse für jeden Tag im Jahr.
Diese Losungen sind mehr als ein geistliches Bonbon oder als kleine Motivationshilfe am Morgen. Weil die Bibel ein durch und durch realistisches Buch ist, stehen natürlich auch kritische und unbequeme Gedanken drin.
Heute zum Beispiel. Die Losung für Mittwoch, den 10. Januar 2007, steht im Psalm 94 und lautet: „Der Herr kennt die Gedanken der Menschen: sie sind nur ein Hauch.“
Wie wahr. Wie viele Gedanken waren heutige wirklich gut und hilfreich? Wie viel war eher überflüssig? Wie viele Sorgen haben wir uns gemacht um Dinge, die wir nicht ändern können oder die im Grunde unwichtig sind? Ich finde, es tut gut und es entlastet, solche Anfragen am Morgen mitzunehmen und sich selbst gegenüber kritisch zu sein.

Manfed Domrös ist Professor für Geopgraphie in Mainz und kommt mit sehr vielen unterschiedlichen Menschen zusammen. Seine Erfahrung:
Es gibt natürlich auch Worte, die mir am Morgen unbequem vorkommen. Ich denke an ein Wort, welches ich kürzlich gelesen habe: Dienet dem Herrn. Und ich dachte mir: Wer von uns dient gern? Ich ja auch nicht. Aber dann im Laufe des Tages hatte ich eine ganze Reihe von Gesprächen und Begegnungen mit Menschen und dachte: Hier, wie kannst du diesen Menschen ein gutes Wort mitgeben in ihren Tag, wie kannst du sie begleiten, wie kannst du ihnen eine Hilfestellung geben. Und dann wurde mir klar: dienet dem Herrn ist doch auch ein Wort, welches mir ganz konkret viel zu sagen hat.

Manfred Domrös beschreibt die Losungen als „Gebrauchsanleitung für den Tag“, bei der Arbeit wie im privaten Leben. Sie sind ihm Impuls und Begleiter, manchmal auch wie ein Rippenstoß. Morgens die Losung zu lesen, macht neugierig: wird dieser Satz irgendwie passen? Kann er mir helfen, mich beflügeln, beruhigen oder auf neue Ideen bringen?

Das Gute an den Losungen ist ja ganz besonders, daß es nicht meine Lieblingsworte sind, die sich dort finden, sondern es sind die Worte Gottes, die zu mir sprechen in meiner ganz besonderen Situation. Und so erlebe ich das auch eigentlich immer wieder neu, wie einzelne Worte, die ja ganz allgemein ausgedrückt sind, für Millionen von Menschen in der Losung veröffentlicht, mir persönlich für den heutigen Tag Hilfestellung und auch Anregung gegeben haben.

In Deutschland lesen mehrere Millionen Menschen täglich die Losung, weltweit
verbinden sie in 50 Sprachen Menschen unterschiedlicher Kulturen, Konfessionen und Generationen.
Über all diesen Menschen überall auf der Welt soll das eine Wort, die Losung für das Neuen Jahr 2007 stehen. Es lautet: So sagt Gott: „Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr´s denn nicht?“
Das wünsche ich Ihnen - dass Sie immer wieder und jeden Morgen das Neue erkennen und spüren, was Gott für Sie bereit hält. https://www.kirche-im-swr.de/?m=530