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SWR2 Wort zum Tag

Manchmal erinnert mich mein Leben an den unaufgeräumten Hobbyraum in unserem Keller.
So sehr ich mich auch mühe, nie herrscht da länger als ein Stunde Ordnung. Dann landet garantiert die nächste Hose mit Loch, das nächste unvollendete Bastelprojekt unserer Kinder auf dem Tisch. Darum fühle ich beim Betreten des Hobbyraums immer etwas Angst vor dem vielen, was sich da durcheinander und unvollendet angesammelt hat.
Wie soll ich das je in Ordnung bringen?

Und genauso ist es im wirklichen Leben. So vieles bleibt bruchstückhaft, ungesagt, unerledigt. Wollte ich nicht diesen Kranken noch besuchen, mich um jener Person wieder zuwenden?
An ein Hilfswerk eine Spende überweisen? Die Welt durch mein Leben ein winziges Stückchen schöner oder geordneter machen?

Vor einiger Zeit fotografierte ich eine alte Scheue, die von Durchwanderern gerne als Unterkunft benutzt wird. Die Tore standen schief in den Angeln, und der Platz davor war eine einzige Müllhalde. Blechdosen, Autoreifen, Glasscherben. Es sah schlimm aus. Dabei ist so ein Müll-Chaos ja noch harmlos gegen das, was uns aus den Nachrichten entgegenschreit.
Und doch: Gottes Sohn kommt gerade in diese chaotische Welt. Er kommt auf den Scherben- und Müllhaufen, den Menschen anrichten und nicht wieder in Ordnung bringen können. Er wartet nicht ab, bis ich alles für seine Ankunft aufgeräumt habe. Weder in meinem Privatleben noch in meiner Familie, weder in meiner Umgebung noch in der Welt.
Er wartet nur darauf, dass ich mich ihm öffne - wie jenes Scheuentor offen stand. Dass ich ihm gerade das Zerbrochene, das Unfertige hinhalte.
Ich denke daran, wenn ich den Vers singe:
Komm, o mein Heiland, Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist.
Auch in den bevorstehenden Gottesdiensten kann ich im Stillen aussprechen, was auf mir lastet, kann es in sein Licht halten. Wenn es offen zutage liegt, dann kann er hineinleuchten. Und dann kann er auch helfen, beim In-Ordnung-Bringen, beim Zusammensetzen der Scherben. Nicht gegen meinen Willen, denn er kommt nicht mit Zwang. Aber auf meinen Wunsch, mit meiner Erlaubnis wird er es tun.

Die Scheune fotografierte ich übrigens nicht nur wegen des Mülls.
Denn durch die Lücken im Dachgebälk schossen Strahlen der Sonne hindurch, die hinter dem Gebäude aufging. Es sah aus wie der Stern über dem Stall von Bethlehem.
Das wurde mir zum Bild für den Advent. Gottes Licht strahlt hinein in das Dunkel.
Mein Leben ist noch nicht ganz hell, und es ist auch noch nicht ganz heil.
Aber der Tag kommt, da wird das Chaos besiegt sein, da werden die Wunden geheilt und die Tränen getrocknet sein. Auf diesen Tag freue ich mich schon jetzt.
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