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SWR2 Wort zum Tag

„Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
Verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen-:

Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an den Rand dich denken
Und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.“

Ein Gedicht von Rainer Maria Rilke.
„Wenn es nur einmal so ganz stille wäre...“
Momente der Stille sind selten: immer ist irgendetwas los und ich bin hineingezogen in den Lärm der Welt, der fast überall herrscht.
Aber Stille braucht nicht nur die Ruhe von außen, Stille muss auch von innen wachsen können. Stille ist nicht immer bequem, sie fordert uns heraus. Ich muss die Stille suchen –
Dann allerdings kann ich kostbare Entdeckungen machen: In der Stille öffnet sich die Zeit. Sie gibt ihre Tiefendimension frei und wächst zum Zeitraum. Wenn ich mich in der Stille so sammle, dass ich durch nichts mehr abgelenkt werde, kann ich dem Wesentlichen begegnen, dem Einen, in dem die Zerstreutheit und das Vielerlei aufgehoben sind:
„Dann könnte ich in einem tausendfachen Gedanken bis an den Rand dich denken..“
Wen meint Rilke, wer ist sein Du, das er für einen Moment besitzen und dann wieder verschenken will? Das Gedicht steht in der Sammlung „Das Stundenbuch“ – eine Art poetisches Betrachtungs- und Gebetbuch. Meint Rilke mit dem Du also Gott?

Die Stille ist von jeher ein Weg zu Gott gewesen. Sie kann uns hinführen zum Geheimnis seiner Gegenwart. Stille so zu erleben, ist ein Geschenk. Manchmal begegnen wir in der Stille statt dem einen, einenden Du jedoch unserer eigenen Zerrissenheit, unseren Ängsten und unserem Alleinsein. Oft gelingt es auch nicht, das „Draußen“ loszulassen. Ich muss mich in die Stille langsam einüben: am Morgen stille Momente bewusst wahrnehmen, einen stillen Abend verbringen, allein einen Spaziergang machen. Das können erste Schritte dazu sein. Schritte, die sich lohnen. Die Stille kann uns helfen, klarer und eindeutiger zu werden, uns weniger vom Zufälligen und Ungefähren bestimmen zu lassen und einen Sinn für das Wesentliche zu entwickeln.

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