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SWR3 Gedanken

Jeder Tag hat seine eigene Last, hat Jesus gesagt. Recht hat er, denke ich, als ich mich um 5 Uhr morgens aus dem Bett quäle. Dort in der Herberge auf meinem Pilgerweg nach Santiago de Compostela. Pilgerherbergen sind so eine Sache: Man schläft mit 30 Leuten in einem Raum und ab 5 Uhr morgens geht es los – die ersten fangen an, aufzustehen, ihre Sachen zusammen zu suchen und dann war’s das mit Schlafen.
Also stand ich morgens um 6 Uhr auf dem Weg. Morgentau bedeckte die Gräser, über die Felder zogen leichte Nebelschwaden. Die Morgenluft ist unglaublich: so rein und frisch, man das Gefühl hat: mit dieser Luft in den Lungen kannst du Meilen gehen!
Meine Schritte gingen leicht und der Rucksack trug sich fast wie von alleine! Ein unglaub-liches Gefühl!
Und da fällt mir dieser Satz von Jesus wieder ein: „Quält euch nicht mit Gedanken an morgen; der morgige Tag wird für sich selber sorgen. Es genügt, dass jeder Tag seine eigene Last hat.“
Diesen Satz habe ich auf meinem Pilgerweg zum ersten mal so richtig verstanden. Ja, natürlich denken Pilger an morgen – schließlich haben wir alle das Ziel, irgendwann mal in Santiago de Compostela anzukommen. Aber wenn man zu Fuß 800 km geht, dann geht das nur Schritt für Schritt, Berg für Berg, Tag für Tag.
Man kann nur jeden Tag einzeln gehen – Pläne sind da schwierig. Was ist, wenn die Bla-sen zu viel, wenn die Muskeln hart werden? Was ist, wenn es regnet, wenn ein Berg sich vor einem auftut, der einfach zu hoch ist? Was ist, wenn man an einem Tag einfach nicht weiter kann, einfach mal ’ne Pause braucht?
Jeder Tag hat seine eigene Last – also quäl dich nicht mit dem Gedanken an morgen. Morgen ist morgen. Und heute gilt nur eins: dass man losgeht. Wie auch immer. Buen camino!
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