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SWR4 Abendgedanken RP

Ich war 14 Johr alt, wie de Krieg ausgebroche ist, und wie mein Vadder eirücke hat müsse. Er war erscht Ausbilder, und dann isser nach Oberotterbach komme in än Bunker. Und dann hot er den Bunker do befehligt. Und es war dann in der Silveschdernacht, die warn beinandgesesse in dem Bunker und hän Karte gespielt und hän sich erzählt.....

So beginnt eine pfälzisch-elsässiche Versöhnungsgeschichte,
sie ist Teil eines grenzüberschreitenden Projektes von Protestanten
in der Südpfalz und im Nordelsass.
„Wege der Versöhnung“, heisst das Projekt,
und an Pfingsten wird es von den Dekanaten Bad Bergzabern und Wissembourg
der Öffentlichkeit vorgestellt.

Teil 1
Heute über grenzüberschreitende „Wege der Versöhnung“
in der Region Bad Bergzabern / Wissembourg.

Vor drei Jahren haben der Bad Bergzaberner Dekan Manfred Sutter
und sein Weißenburger Kollege Marc Seiwert von der Protestantischen Kirche im Elsass
angefangen ihre Zusammenarbeit zu intensivieren.

Manfred Sutter:
Wir beide, der Marc Seiwert und ich, wir waren uns einig, gerade bei unserem Jugendprojekt, dass die Generation unsrer Väter und Mütter stark beseelt war - viele jedenfalls, nicht alle – von Versöhnung aufgrund der langen schweren Auseinandersetzungen mit dem Franzosen und dem Deutschen als Erzfeind. Gleichzeitig haben wir festgestellt, die Generation unsrer Kinder, da ist eher Gleichgültigkeit. Trotz zusammenwachsendem Europa, gibt es a) Grenzen in den Köpfen und b) so ein Stück Desinteresse aneinander.

Das ist eine Herausforderung gewesen für die beiden Theologen,
und sie haben überlegt:
Was können die Kirchen in dieser Tourismusregion konkret dazu beitragen,
dass die Menschen,
die diesseits und jenseits der deutsch-französischen Grenze leben oder Urlaub machen,
wieder stärker aufeinander zugehen?
So ist das Projekt „Wege der Versöhnung“ geboren worden.

Marc Seiwert, der Inspecteur, das heißt: Dekan, von Weißenburg:
Am Anfang, als wir von Versöhnung gesprochen haben, hat man uns sogar gesagt: Wie wollt ihr überhaupt von dem sprechen? Die Versöhnung, die ist ja geschehen, das ist nicht mehr nötig und so. Und dann haben wir haben gesagt:....... Es genügt nicht, dass die Leute auf beiden Seiten der Lauter beim andern einkaufen gehen, denn sie sagen........ : Ich brauch die Deutschen ja nicht zu treffen am Wochenende, ich seh sie auf der Arbeitsstelle oder im Einkaufszentrum, und man geht nicht weiter. Für uns war klar: Es ist nicht weil man sich trifft irgendwo zB in einem Einkaufszentrum, dass man sich kennt und dass man ein Stück Weg miteinander geht. Und dass man miteinander lebt. Und das ist eigentlich Ziel auch von dieser Sache, dass man weiter geht.

Deutschland und Frankreich sind seit mehr als einer Generation befreundete Nachbarn.
Freundschaft aber muss gepflegt werden,
auch zwischen Völkern.
Sonst schläft sie ein,
und es entstehen neue Ressentiments.

Wenn z. B ein Autofahrer sich nicht gut verhält auf der Straße, sagt man normalerweise: „Ah schau, wie der schlecht fährt“. Aber wenn er jetzt ne französische Nummer hat, sagt man; „Ah, das ist ein Franzos“. Oder umgekehrt: „Ah, das ist ein Schwob oder ein Pälzer“. Und das ists....

Bei solchen Dingen merkt man:
Die deutsch-französische Freundschaft
kann nicht bloß von offenen Grenzen und einer gemeinsamen Währung leben.

Manfred Sutter:
Als die Grundstückspreise im Elsass günstiger waren...., da gab‘s fast schon eine Invasion von Deutschen. Und eine Kollegin aus Niederroeteln hat mir erzählt: es gibt einen Straßenzug dort, da wohnen nur Deutsche und die machen ein Straßenfest auf deutsch und laden ihre Nachbarn nicht ein, das heißt sie wohnen in Frankreich! Und so stellen wir uns Versöhnung und Integration nicht vor.... Wenn man Europa will, dann muss man wirklich miteinander leben. Und wenn man in Frankreich wohnt, dann muss man sich dort integrieren.

Das Projekt „Wege der Versöhnung – Chemins de la réconciliation“ möchte helfen,
die Menschen in der pfälzisch-elsässischen Grenzregion wieder mehr zueinander hinzuführen.
Entstanden ist ein grenzüberschreitender Reiseführer,
zweisprachig und handlich,.
mit Überblickskarten und Routenbeschreibungen.
13 pfälzische Pfarrer und ein Ruhestandgeistlicher aus dem Elsass
haben daran mitgearbeitet
und Informationen zu 135 Kirchen der Region Nordelsass – Südpfalz zusammengestellt.
Diese Gotteshäuser sind für sich schon Orte der Versöhnung,
wenn man sich etwa die Kirche im französischen Froeschwiller anschaut,
die im Krieg zerstört war und danach wieder aufgebaut wurde.

Aber dieser ungewöhnliche Kirchenreiseführer erzählt auch von persönlichen Versöhnungsgeschichten.

Teil 2
Heute über das pfälzisch-elsässische Projekt „Wege der Versöhnung“.
Unter diesem Titel
haben der Bad Bergzaberner Dekan Manfred Sutter
und sein Weißenburger Kollege von der Protestantischen Kirche von Elsass und Lothringen, Marc Seiwert,
einen Kirchenreiseführer herausgegeben.
Das knapp 150 Seiten starke, in einer Auflage von 5000 Stück erschienene Buch enthält nicht nur Wissenswertes über evangelische Gotteshäuser diesseits und jenseits der Grenze.
Es stellt darüber hinaus auch Geschichten vor.
Wie zum Beispiel diese:

Wir sind von Hatten... von dere schwere Panzerschlacht nach Landau evakuiert worre ins Vincentiuskrankenhaus.... Und no isch de 18. März ... Landau schwer gebombardiert worre, und da ware mer noch emol im Feuer.

Die Elsässerin Colette Eisele war ein Kind,
als sie mit ihrer Familie die Schrecken des Krieges am eigenen Leib zu spüren bekam.

Und no simmer in de Schulkaller evakuiert worre, und s’nachts ist e Auto komme mit e paar Soldate und han mini Mutter und Großmutter mit ihre Kinder, die schwer verletzt gewan sin, nach Essingen geführt. Und es war midde in de Nocht, ich war 8 Johr, und dann haw ich geklopft annerer Tür. Und dann hät ma die Tür aufgemacht, das war das evangelische Pfarrhaus von Essingen. Und über Nocht simmer no im Pfarrhaus gebliwwe. Und der ondre Dah hawe se no e Zimmer gsucht, e Unterkunft für uns, un do hat die Frau Gerthäfner uns aufgenomme.

Eine Geschichte mit einem versöhnlichen Ausgang.
Eine von 20 Versöhnungsgeschichten zwischen Elsässern und Pfälzern,
die in dem grenzüberschreitenden Kirchenreiseführer gesammelt worden sind.
Zeitzeugen kommen hier zur Wort.
Nicht nur aus der Kriegszeit.

Manfred Sutter, Dekan von Bad Bergzabern:
Der Bogen spannt sich von 1870 bis 2008... also, das ist uns sehr wichtig, dass man nicht nur in die Vergangenheit schaut und was sie dort erlebt haben, sondern dass man sieht, wo gelingt das heute auch.

Ganz aktuell ist etwa die Geschichte über den allmählichen Wandel im Umgang mit dem 8. Mai.
Das ist in Frankreich der nationale Gedenktag zum Kriegsende.
Bis heute ein ganz wichtiger Feiertag,

Marc Seiwert, Dekan von Wissembourg:
Es war vor ein paar Jahren undenkbar, dass man einen grenzüberschreitenden Gottesdienst am 8. Mai feiert. Einen Gottesdienst fürn Frieden ja, aber unter uns, nicht mit Pfälzern und Elsässern zusammen. Und da muss ich sagen, dass wirs einfach gewagt haben... .. Jedes zweite Jahr feiern wir miteinander Gottesdienst. Auch in Bergzabern haben wir 8. Mai gefeiert. Und als Sieg eigentlich über die Mächte der Finsternis, nicht als Sieg über ein anderes Volk.

Von einem Sieg der Menschlichkeit in einem einst hart umkämpften Landstrich
weiß auch die Pfälzerin Hermine Lösch geborene Imhoff zu berichten.
Sie war 14 Jahre alt, als der Krieg ausgebrochen ist.
Ihr Vater hat damals als Feldwebel in einem Westwallbunker bei Oberotterbach
einen Trupp Soldaten befehligt.
Und es war in der Silvesternacht, hat er später erzählt....

.... Und plötzlich is enner von denne Wachmänner in de Bunker reinkomme und hat gesat: „Feldwebel Imhoff, es kommen feindliche Gestalde, die hän weiße Fahne“. Dann is mei Vater naus und wie se dann in Reichweite ware, hot er gerufe „Parole!“. Und die Soldate hän die Gewehre in Anschlag genomme. Und dann rufen die: „Kamerad, Kamerad! Bitte nicht schießen! Wir kommen in guter Absicht und mer wen den Krieg genau so wenig wie ihr“. Aller, und wie se dann sich näher gsehne hän, hot mei Vadder halt gsacht „Die Gewehre weg!“ und hat dann gesehne, dass die wirklich in guter Absicht kommen. Und dann hän die not mitnanner es Neijohr 39 uff 40, die Deitsche un die Franzose, im Bunker gefeiert.

In einem aggressionsgeladenen Umfeld
werden verfeindete Soldaten für kurze Zeit zu Freunden.
Eine Versöhnungsgeschichte, die zu Herzen geht,
nachzulesen in dem deutsch-französischen Reiseführer
der Dekanate Bad Bergzabern und Weißenburg,
Teil des Projektes „Wege der Versöhnung“.

An Pfingsten sollen diese Wege nun
zusammen mit der Eröffnung eines grenzüberschreitenden Bilderzyklus in Kirchen der Region offiziell vorgestellt werden.

Teil 3
Drei Jahre lang haben der pfälzer Dekan Manfred Sutter aus Bad Bergzabern
und der elsässische Inspecteur Marc Seiwert aus Weißenburg
Versöhnungsgeschichten gesammelt
und Informationen über die evangelischen Kirchen der Region zusammengetragen.
Aus diesem Material haben sie den Reiseführer „Wege der Versöhnung“ erstellt
mit Routen, die die Bauwerke miteinander verbinden.

Einen künstlerischen Rahmen für diese Wege
schafft ein Bilderzyklus des Malers Claude Braun,
der bei Wimenau, einem Dorf in den Nordvogesen, lebt:
Die Freske der Versöhnung.
Das sind elf Bildtafeln mit Versöhnungsmotiven,
die künftig in neun Kirchen diesseits und jenseits der Grenze dauerhaft zu sehen sein werden.

Marc Seiwert, der Dekan von Weißenburg:
Die Freske der Versöhnung, das ist ein ganzer Zyklus. Und auch anhand der Bibel. Und es geht darum, zu erklären, wie die Menschen von der Schöpfung erst miteinander gelebt haben in Frieden. Und dann kommt auch ein Bruch, und dann gibt’s Kämpfe zwischen den Menschen. Und die Menschen werden versöhnt durch den Knecht Gottes, durch Christus, durch die Bergpredigt. Das sind konkrete Schritte. Also, es geht nicht einfach so um Frieden. Frieden ist etwas so Statisches, man sagt „Sie leben in Frieden“, aber hier geht’s um einen ganzen Prozess.


1 ½ Meter hoch und bis zu drei Meter breit
sind die beschichteten Gipsplatten des Versöhnungszyklus,
Claude Brauns stilisierte Figuren darauf strahlen etwas sehr Dynamisches aus:
sie gehen aufeinander zu, reichen sich die Hände oder bilden Gemeinschaften.
Wer die farbenprächtigen Bilder alle sehen will, muss sich auf den Weg machen.
Denn sie sind auf 9 Kirchen verteilt. Auf der pfälzischen Route liegen die Marktkirche in Bad Bergzabern, die evangelischen Kirchen in Klingenmünster und Steinweiler sowie die Martinskirche in Billigheim.
In der Inspection Wissembourg werden neben der Weißenburger Johanneskirche die evangelischen Kirchen in Sesenheim, Hunspach, Niederbronn und Obersteinbach jeweils mit einer Bildtafel von Claude Braun ausgestattet.

Manfred Sutter:
Unsere Wege sind ja sowohl mit dem Auto erfahrbar - manche muss man auch mit dem Auto erfahren, der Freskenweg ist 175 Kilometer lang - manche kann man mit dem Rad .... fahren. Und einen, den würd ich besonders empfehlen: von Bad Bergzabern nach Wissembourg... an der Weinstraße entlang, dann Schweigen, durchs Hasselbacher Tälchen am Pauliner Stift vorbei, mitten durch die Weinberge....

Am kommenden Pfingstsonntag
soll das Projekt „Wege der Versöhnung“ mit Gottesdiensten in den Kirchen,
in denen die Fresken zu sehen sind, eröffnet werden

Marc Seiwert:
Pfingsten ist ja das Fest des Geistes und auch ein Fest, das über die Grenzen hinweggeht. Menschen verbinden sich mit verschiedenen Sprachen und sie können sich verständigen. Also wenn’s ein Fest gibt, wo die Grenzen gesprengt sind, also für uns auf jeden Fall als Christen - wo man auch in der Bibel liest, es soll keine Griechen mehr geben, keine Juden, aber vor allem Kinder Gottes - dann ist es an Pfingsten.

Der Heilige Geist, der an Pfingsten gefeiert wird,
führt Menschen zueinander,
wie unterschiedlich sie auch immer sein mögen.
Denn in den Augen Gottes
bin ich zunächst einmal weder ein Deutscher noch ein Franzose,
sondern in erster Linie bin ich schlicht und einfach ein Mensch. https://www.kirche-im-swr.de/?m=3667