Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

14JAN2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich liebe diese kleinen Kapellen im Umfeld der großen alten Gutshöfe. Sie gehören offensichtlich zum Hof dazu wie der Stall, der Misthaufen oder heute nicht selten der Hofladen. Ich spüre, da hat sich ein altes Wissen bewahrt. Die Sorge um das Wohlergehen des Hofes und derer, die dort leben und arbeiten – sie macht es nötig, nicht nur für die irdischen Ökonomiegebäude zu sorgen, sondern auch den Blick zum Himmel nicht außer Acht zu lassen. Die meist alten Kapellen halten ein noch viel älteres Wissen wach: Inmitten unserer alltäglichen Umgebung braucht es besondere, ich könnte auch sagen heilige Orte. Orte, die mir guttun. Und die den Blick immer wieder in eine andere Richtung lenken. Weg vom Planen und Organisieren. Und hin zum Vertrauen und zur Dankbarkeit. Hin zu Gott.

Heute werden in der Regel keine Kapellen auf privatem Grund mehr gebaut. Verschwunden sind sie aber trotzdem nicht. Ich entdecke sie immer wieder in den Häusern und Wohnungen der Menschen, mit denen ich es zu tun habe. Das eine Mal ganz bewusst gestaltet, das andere Mal eher nur versteckt angedeutet. Mit einer Kerze. Einem Bild. Einer besonderen Anordnung oder Gestaltung. Andere verbergen diesen Ort vor den Augen Dritter, gerade weil er für sie so besonders, so heilig ist.

Im Alten Testament wird immer wieder berichtet, dass Menschen Gott einen Altar bauen, um einen Ort als besonderen zu markieren. Aus Dankbarkeit für eine geschenkte Rettung. Wie Noah nach der großen Flut. Nach einer überraschenden Gotteserfahrung. Wie Jakob, dem Gott nachts im Traum erscheint.  Oder als Ort der Bitte um Hilfe in einer schwierigen Lage.

Soviel anders ist es mit den kleinen heiligen Orten im eigenen Haus auch nicht. Bei den Menschen, denen ich begegne. Auch bei mir. Ich brauche diese kleinen besoinderen Ort in meiner Wohnung. An ihm macht sich meine Gewissheit fest, dass ich nicht alles machen, nicht alles in der Hand haben muss. Dass mir das Wesentliche in meinem Leben als Geschenk widerfährt. Nein, ich muss keine Kirche bauen und werde keine Kapelle stiften. Aber der kleine Ort in meinem Umfeld, an dem mir jemand etwas anderes sagt als das, was ich mir selber sagen kann - der ist mir wichtig. Und heilig.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34652