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SWR3 Gedanken

13JAN2022
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Markus fehlt ein Finger. Seit dem letzten Frühjahr. Ein Unfall mit dem Auto. Im Krankenhaus konnten sie nichts mehr machen und haben den Finger amputiert. Seitdem fehlt Markus ein Finger. Aber irgendwie ist er trotzdem noch da.

Markus erzählt: „Klar, wenn du die Hand anguckst, sieht man sofort, dass der kleine Finger fehlt. Das ist total krass. Aber bei so einem kleinen Finger gibt’s keine Rehabilitation, keine Krankengymnastik, ich hab sofort wieder gearbeitet.“ Man muss dazu sagen, dass Markus Installateur ist, er arbeitet meist auf Großbaustellen. Er erzählt weiter: „Aber während des Sommers ist mir alles aus der Hand gefallen: Schraubenzieher, Schrauben… alles ist mir runtergefallen. Man glaubt nicht, wie nützlich so ein kleiner Finger ist!“ Aber das schlimmste kam dann im Winter: es wurde langsam kalt. Normalerweise arbeitet Markus immer ohne Handschuhe, weil er seine Finger braucht zum festschrauben, einfetten, fühlen, ob die Rohre warm oder kalt sind. Aber das ging in diesem Jahr nicht, denn sein kleiner Finger wurde kalt. Wie kann es sein, dass er die Kälte gerade an einem Finger spürt, den er nicht mehr hat? Der Finger ist weg, aber er friert, tut weh. Phantomschmerzen nennt man das.

Aber da hatte Markus Oma eine geniale Idee: zu Weihnachten hat sie Markus ein paar fingerlose Handschuhe gestrickt – also vier Finger sind frei, fingerkuppenlos sozusagen, bloß der fehlende kleine Finger ist wie bei einem normalen Fingerhandschuh warm eingepackt.
Dank des Halbhandschuhs leidet Markus nicht mehr an der Kälte. Dank der Oma tut ihm im Winter sein kleiner Finger nicht mehr weh!

→ Inspiration: Jean Teulé, Comme une respiration, Editions Julliard, Paris, 2016.

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