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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

20OKT2021
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Vierzig Prozent der Deutschen gehören keiner Religion an. Das hat die Forschungsgruppe Weltanschauungen herausgefunden. Glauben die dann alle nichts? Bedeutet das diese Statistik? Ich bin mit solchen Behauptungen vorsichtig. Denn Glauben und Religion sind persönliche, ja intime Angelegenheiten.

Unlängst habe ich einen Mann kennengelernt, der zu den sogenannten Religionslosen gehört. Es ging darum, wer katholisch ist und wer evangelisch. Der Mann hat gegrinst und gesagt, er sei „nichts“. So sind wir näher ins Gespräch gekommen, und er hat mir erzählt, wie es mit Religion und Kirche und Glauben bei ihm bestellt ist. Es könne keine Rede davon sein, dass Gott bei ihm nicht vorkommt. Im Gegenteil: Er stammt aus einer Familie, in der man sehr wohl gewusst hat, was es heißt, ein Christ zu sein. Aber eine schlechte Erfahrung mit der Kirche hat ihm das Religiöse ziemlich verleidet. Heute spendet er, was er an Kirchensteuer zahlen müsste, und ist zufrieden damit. Glauben kann er ja trotzdem, sagt er. Gott macht nicht an Kirchtüren Halt.

Die Kirche hat einen Menschen vergrault, und darunter leidet bei ihm bis heute alles, was mit dem christlichen Glauben zu tun hat. Das ist eine frustrierende Erkenntnis. Es sollte gerade umgekehrt sein. Die Kirche müsste die Menschen ermutigen, Freude am Glauben zu finden und sie für Jesus und seine Botschaft begeistern. Leider ist der Mann kein Einzelfall. Es menschelt eben gewaltig in der Kirche. Andererseits vertritt die Kirche hohe Ansprüche. Deshalb ist dann auch schnell die Enttäuschung größer als woanders. Wer darüber predigt, dass es gut ist, den Armen zu helfen, der muss sich auch selbst daran messen lassen - bei aller Menschlichkeit. Der Mann, von dem ich hier erzähle, hat eine Abfuhr von der Kirche gekriegt, als er ein soziales Projekt ins Leben rufen wollte. Sein Ergebnis: Wo Reden und Handeln so wenig zusammenpassen, da gehe ich auf Distanz.

Ich bin mit den Jahren immer vorsichtiger geworden, wenn es darum geht zu verstehen, ob ein Mensch religiös ist, ob er an Gott glaubt oder nicht. Ich traue mir darüber kein abschließendes Urteil zu. Die alten Kategorien passen immer weniger: getauft oder nicht; Kirchensteuerzahler oder ausgetreten. Das bleibt zu sehr am Äußeren hängen. Der Kontakt eines Menschen mit Gott aber spielt sich im Inneren ab. Und das Herz des Menschen ist groß. Größer als man denkt.

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