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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

18OKT2021
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Wer als aufgeklärter Mensch die Bibel liest, wird an manchen Stellen irritiert sein. Zum Beispiel wenn von Jesus wird berichtet wird, er sei übers Wasser gegangen, er habe mit ein paar Broten Tausende von Menschen satt gemacht und schließlich sei er von den Toten auferstanden. Unglaublich ist das für viele Ohren. Schließlich sind wir es gewöhnt, erst einmal nicht zu glauben, was wir nicht mit eigenen Augen gesehen haben. Aber ich habe im Laufe der Zeit gelernt, diesen Graben zu überwinden: zwischen meiner Welt heute und der des Vorderen Orients vor 2000 Jahren. Damals sah die Welt anders aus. Aber damals mussten die Menschen auch ihre Welt verstehen, so wie wir heute. Nur anders eben. Sie hatten die gleichen großen Fragen wie wir: Wie die Welt entstanden ist und was nach dem Tod kommt. Ob es eine höhere Macht gibt, die alles lenkt. Und was ihnen Hoffnung gibt in schwerer Zeit. Sie haben sich dabei anderer Methoden bedient. Symbole und Bilder hatten eine große Bedeutung. Vor allem aber wurden Geschichten erzählt. Und immer wieder weitererzählt. Von Generation zu Generation.

Die Wahrheit beschränkt sich nicht auf Fakten. Auch nicht im Jahr 2021. Ich erlebe das oft genug, wenn Menschen an Grenzen kommen: Die Mutter stirbt. Ein Paar bekommt keine Kinder. Ein Streit ist so heftig, dass er die ganze Familie entzweit. Was nun? Natürlich: Sterbebegleitung, Paartherapie, Konfliktmanagement. Heute gibt es Profis für alle Lebenslagen. Nicht immer führen die zum gewünschten Erfolg. Manchmal denke ich mir: Wie gut wäre es, die alten Geschichten zu kennen und ihre Wahrheit zu nützen. Sie so sehr in sich zu tragen, dass sie zum Heilmittel werden.

Lukas, einer der Evangelisten, ist ein Meister solcher Geschichten. Er erzählt von fünftausend Menschen, die von fünf Broten und zwei Fischen satt werden. Weil Teilen Wunder bewirkt. Lukas erzählt, wie zwei der Jünger Jesus begegnen, nach seinem Tod. Wie sie ihn in ihren Fragen und Sorgen spüren, und wie ihnen die Augen aufgehen, als er am Abend mit ihnen isst, das Brot bricht.

Auch heute schreibt das Leben solche Geschichten. Wie der Tod überwunden wird, der überall lauert. Wie auf einmal Freiheit entsteht, wo man es nie erwartet hätte. Es lohnt sich, sie zu kennen und weiterzuerzählen.

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