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SWR4 Abendgedanken RP

I. Teil

Wir Christen feiern unsere Feste so, als wären sie mit dem Fest immer auch schon wieder vorbei. Das ist bei Weihnachten so. Das ist bei Ostern so. Dabei ist Jesu Geschichte mit seinem Tod und seiner Auferstehung noch lange nicht zu Ende. Die Bibel erzählt uns spannende Geschichten aus der Zeit danach. Diese Geschichten zeigen, dass es nach der Auferstehung spannend weitergeht. Sie zeigen auch, wie schwer sich die Menschen damals schon damit taten, an diese Auferstehung zu glauben.
In den Gottesdiensten am vergangenen Osterfest standen die Geschichten im Mittelpunkt, in denen die Frauen das leere Grab finden und nach ihrem ersten Schrecken dann die freudige Nachricht zu den Freunden Jesu bringen. Aber was war eigentlich mit den anderen, z.B. mit den Wächtern am leeren Grab? Auch von ihnen ist in dem gleichen Evangelium die Rede. Und auch von den politisch Verantwortlichen, die Angst vor dieser Nachricht hatten. Von ihnen erzählt das 28. Kapitel des Matthäusevangeliums so:

Sprecherin:
Während die Frauen noch auf dem Weg waren, liefen einige von den Wächtern in die Stadt und meldeten den führenden Priestern, was geschehen war.
Diese fassten zusammen mit den Ratsältesten einen Beschluss: Sie gaben den Soldaten viel Geld und schärften ihnen ein:
»Erzählt allen: In der Nacht, während wir schliefen, sind seine Jünger gekommen und haben den Toten gestohlen.
Wenn der Statthalter von der Geschichte erfährt, werden wir mit ihm sprechen. Ihr habt nichts zu befürchten!«
Die Wächter nahmen das Geld und taten, wie man sie gelehrt hatte.


Netter Versuch, könnte man sagen. Nun wissen wir aber längst, wie es weiterging. Die Nachricht von der Auferstehung konnte nicht verheimlicht werden. Sie ging herum wie ein Lauffeuer. Und sie erreicht uns bis heute.
Und eines ist sicher - ohne die Auferstehung da am Ostermorgen gäbe es unseren Glauben nicht. Frère Roger, der verstorbene Prior des Klosters von Taizé, sagte es in einfachen Worten einmal so: „Wäre Christus nicht auferstanden, wären wir nicht hier!“ Und selbst Wolf Biermann, bekennender Nichtchrist, verteidigte diese Auferstehung Christi einmal mit ganz eindringlichen Worten. Er hatte – noch zu DDR-Zeiten – in Ostberlin Besuch von jungen Pfarrern. Und einer von ihnen behauptete doch tatsächlich: das mit der Auferstehung sei alles dummes Zeug. Damals musste Wolf Biermann erst einmal tief durchatmen:

Sprecher:
„Ich geriet in einen gedämpften Wutanfall über diesen Menschen. Ich geriet ins Predigen. Vielleicht war die Anwesenheit so vieler Pastoren schuld daran. Ich hielt ihm eine Predigt darüber, warum nach meiner unchristlichen Meinung die Auferstehung Jesu der wichtigste Teil der Leidensgeschichte ist. Wer die Auferstehung preisgibt, der ist von Gott und allen guten Geistern verlassen!“

In der Tat. Nur weil etwas schwer zu verstehen ist, sollten wir es nicht einfach abtun. Und weil wir offensichtlich etwas Hilfe und Unterstützung brauchen, um das zu verstehen, hat Gott sich etwas einfallen lassen. Damit die Nachricht von der Auferstehung zu einer wirklich frohen Botschaft wurde. Wie er das getan hat, darüber mehr nach der Musik.



II. Teil

„Wenn ich das damals gesehen hätte“, so sagte es ein Konfirmand vor kurzem im Unterricht, „ja dann könnte ich das auch glauben!“ Über den Tod hatten wir gesprochen. Sehr tief war dieses Gespräch, weil viele ihre Erfahrungen damit in den Familien gemacht hatten. Über die Auferstehung wollte ich mit ihnen reden. Da war plötzlich ein großes Schweigen. Wer etwas sagte, äußerte Zweifel. Aber das ist ja nicht neu.
Davon erzählt schon die Bibel. Diese Zweifel, die hatten sogar die engsten Freunde Jesu. Einer hat es stellvertretend für andere ausgesprochen. Thomas, einer der Jünger. So weiß es das Johannesevangelium:

Sprecherin:
Als Jesus kam, war Thomas, genannt der Zwilling, einer aus dem Kreis der Zwölf, nicht dabei gewesen.
Die anderen Jünger erzählten ihm: »Wir haben den Herrn gesehen!«
Thomas sagte zu ihnen: »Niemals werde ich das glauben! Da müsste ich erst die Spuren von den Nägeln an seinen Händen sehen und sie mit meinem Finger fühlen und meine Hand in seine Seitenwunde legen – sonst nicht!
Eine Woche später waren die Jünger wieder im Haus versammelt und Thomas war bei ihnen. Die Türen waren abgeschlossen. Jesus kam, trat in ihre Mitte und sagte: »Frieden sei mit euch!«
Dann wandte er sich an Thomas und sagte: »Leg deinen Finger hierher und sieh dir meine Hände an! Streck deine Hand aus und lege sie in meine Seitenwunde! Hör auf zu zweifeln und glaube!«
Da antwortete Thomas: »Mein Herr und mein Gott!«
Jesus sagte zu ihm: »Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Freuen dürfen sich alle, die mich nicht sehen und trotzdem glauben!«


Ich finde es wunderbar, dass Jesus seine Freunde mit diesen Zweifeln nicht allein lässt. Er ist da, tritt mitten unter sie. Und nach einer kurzen Begrüßung stillt er erst einmal die Sehnsucht des Thomas. Die Sehnsucht danach zu erfahren, ob es wahr ist. Ob er wirklich auferstanden ist.
Und Jesus gibt ihm und uns darauf eine Antwort. Oder besser, er gibt uns einen Hinweis, wie er sich anfühlt, dieser Glaube an die Auferstehung. Eine 96jährige Frau liegt in meiner Gemeinde im Bett, sterbensalt, war lange nicht ansprechbar. Als ich das letzte Mal kam, lachte sie mich mit wachen Augen an: „Ach, der Herr Pfarrer!“ Als ich mich verabschiedete, scherzte ich: “Beim nächsten Mal tanzen wir Walzer!“ „Ja“, lachte sie, „das machen wir!“ Hoffnung, Osterlachen – ich habe es erlebt!
Mir helfen manchmal einfache kurze Geschichten, um das zu verstehen. Wie zum Beispiel die Geschichte von der Bärenraupe.

Sprecherin:
Weiter und immer weiter geht sie, die Bärenraupe. Auf der anderen Seite ahnt sie herrliches Grün; jenseits der Straße wächst, was sie satt machen kann. Aber sechs Meter Asphalt liegen dazwischen! Und dann ihre Stummelfüße! Und die Autos jagen hin und her! Zwanzig in der Minute. In einer Stunde über tausend! Aber sie geht. Die Bärenraupe geht los. Ohne Hast. Ohne Furcht. Zwanzig Autos in der Minute. Und sie geht und geht und geht – und kommt an!


III. Teil

Die Frauen hatten sich damals alle Mühe gegeben, die Nachricht von der Auferstehung Jesu auszubreiten. Aber die Jünger Jesu taten sich schwer damit. Zwei hatten sich nach dem Tod Jesu wieder nach Hause aufgemacht. Zurück nach Emmaus, einem Dorf, ein Tagesmarsch von Jerusalem entfernt.
Als sie sich traurig dahinschleppten, war da auf einmal jemand an ihrer Seite. Sie erzählten ihm alles, was sie bedrückte. Sie erzählten dem Fremden sogar von der Auferstehung Jesu, von der die Frauen berichteten, ohne doch daran glauben zu können. Der Fremde aber überlässt sie nicht einfach ihrem Gefühlschaos. Er gibt ihnen ein Zeichen. Denn es ist Jesus selbst, der Auferstandene, wie das Lukasevangelium berichtet:

Sprecherin:
Als er dann mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, sprach das Segensgebet darüber, brach es in Stücke und gab es ihnen.
Da gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten ihn. Aber im selben Augenblick verschwand er vor ihnen.
Sie sagten zueinander: »Brannte es nicht wie ein Feuer in unserem Herzen, als er unterwegs mit uns sprach und uns den Sinn der Heiligen Schriften aufschloss?«
Die Geschichte begleitet mich seit meiner Kindheit - im Kindergottesdienst, in der Jugendgruppe habe ich sie gespielt und sie in Liedern besungen. Wie mich hat diese Geschichte viele in ihrem Glauben geprägt.
Diese Geschichte lehrt mich: Jesus geht unsere Wege mit. Meistens erst einmal als der Fremde, der Andere, der überraschend dazukommt und durch den alles anders wird.
Und noch etwas: Jesus bleibt nicht fremd. Er gibt sich zu erkennen. In der Emmausgeschichte erkennen das die Jünger in dem Augenblick, in dem der Fremde das Brot bricht. Das erinnert sie an früher, als sie noch zusammen waren. Und es erinnert sie an sein Versprechen: ich bin immer bei euch.
Deshalb erinnern wir uns bis heute in jedem Abendmahl daran, wie nahe er uns ist. Nahe auch im Alltag. Ich begegne ihm immer wieder. Ich erkenne ihn im Gespräch mit alten Menschen, wenn sie von ihren ganz unglaublichen Wegen erzählen, die sie in ihrem Leben gehen mussten.
Ich erkenne den Auferstandenen in den Trauernden, die ich begleite und eines Tages wieder lachen sehe. Ich habe seine Nähe gespürt, als ich einen Klassenkameraden im Sterben begleiten durfte, Bruder Wilhelm, im Kloster von Taizé. Wir hatten uns um ihn versammelt, waren traurig und er lächelte uns an. Und er starb – lächelnd. Und wir lächelten auch. Damals habe ich verstanden, was Hanns-Dieter Hüsch eindrücklich so gesagt hat:
Sprecher:
Ich habe den Herrn gesehen
Ruhiger denn je
Gelassener denn je und freier als alle Freiheit
Alle Großzügigkeit war um ihn versammelt
Alle Liebe in ihm
Und so hat er uns verlassen
Um Tag und Nacht bei uns zu sein
Ich habe den Herrn gesehen
Möchten wir sagen
Seht welch ein Mensch
So möchten wir sein
Fürchtet euch nicht
Die Tür steht offen
Der Stein ist verschwunden
Wir können mit IHM in alles hinein
Aus allem heraus und durch alles hindurchgehen https://www.kirche-im-swr.de/?m=3391