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SWR2 Wort zum Tag

26AUG2021
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„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten...“ (GG Art. 5) So steht es im Grundgesetz. Wie gut ist dieses Grundrecht in unserem Land geschützt. Gott sei Dank!

Doch derzeit prallen Meinungen heftig aufeinander. So explosiv, dass ich manchmal ganz froh bin, wenn ich nicht nach meiner Meinung gefragt werde. Es ist Dampf im Topf und der kocht manchmal auch über: Eltern, die gegen Coronarestriktionen in Schulen demonstrieren, werden umgehend in die rechtsradikale Ecke gestellt.
Auch unter „ziemlich besten Freunden“ reicht schon eine Andeutung, dass man zu bestimmten Maßnahmen eine andere Meinung hat. Schnell stehen Vorwürfe im Raum, man sei „Coronaleugner“ oder bereite die „Gesundheitsdiktatur“ mit vor. Maßlos und unsachlich sind solche Urteile. Mir scheint, es ist mehr als eine saisonale Gereiztheit.

Der Münsteraner Religionswissenschaftler Thomas Bauer hat schon vor Jahren auf die Gefahr eines Verlustes „von Mehrdeutigkeit und Vielfalt“ hingewiesen. Er hat das in einem geschichtlichen Querschnitt für Religion, Kunst und Musik nachgezeichnet.
Religionen zB, die die eigene Vieldeutigkeit ausmerzen, erstarren in Fundamentalismus. Wo immer es zu einer „Vereindeutigung der Welt“ kommt, so Bauer, geht Vielfalt verloren, und damit einher ein Verlust von Lebendigkeit. [1]
Mir scheint, das trifft auch auf die bedrohte Meinungsvielfalt zu.
Wer das vieldeutige Leben vereindeutigt, – so und nur so geht Ehe, so und nur so geht Klimaschutz, so und nur so kann die Coronakrise überwunden werden - , der verstellt sich und anderen den Blick für die vielfältige Wirklichkeit.

Das Christentum ist als ein Gemisch aus Völkern und Kulturen - von Anbeginn mit dieser Herausforderung konfrontiert gewesen. Wo es in Einseitigkeit erstarrte – wurde Vielfalt verhindert. Bisweilen auch mit Gewalt und Schrecken.
Der Apostel Paulus hielt dagegen ein Plädoyer für Vielfalt:
„Ein jeder sehe nicht auf das Seine“, schreibt er, „sondern auch auf das, was dem Andern dient!“ (Phil 2,4) Ja, er ging so weit zu sagen: „Wer den Anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt.“ (Röm 13,8)

Andersartigkeit vor Gott leben – und nicht austilgen – Freiheit aushalten – darauf kommt es auch jetzt an. Es ist wichtig, sich eine eigene Meinung zu bilden. Beinahe noch wichtiger ist es, davon auszugehen, dass es noch andere Meinungen gibt. Nämlich die der Andersdenkenden.

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[1] Thomas Bauer,  Vereindeutigung der Welt – Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33797