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SWR2 Wort zum Tag

26MRZ2008
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„Eigentlich möchte ich gerne im Schlaraffenland leben“, meint mein Sohn. „Ich müsste nicht in die Schule und nicht die Straße kehren und könnte Pudding ohne Ende essen. Ich werde dabei ziemlich dick, aber - kurzes Nachdenken - so schlimm wär´ das auch nicht, schließlich sind im Schlaraffenland wahrscheinlich alle dick.“ Bei Schlaraffenland fällt mir spontan der köstliche Käsekuchen von Schwester Leni, einer Diakonisse aus Wiesbaden, ein. Ein Schlaraffenland mit Bergen aus Schwester Lenis Käsekuchen? Das klingt, zunächst, verlockend. Aber wie geht es einem, wenn man jeden Tag und nur Käsekuchen oder Pudding isst? Ich fürchte, selbst Schwester Lenis Käsekuchen würde mir bei einer Dauerkur irgendwann einmal aus dem Hals heraus hängen. Er ist auch deswegen köstlich, weil ich ihn nur bei besonderen Geburtstagen bekomme, und selbst dann nur ein Stück, weil alle anderen schließlich auch ihr Teil abbekommen wollen. „Wenn du jeden Tag nur Pudding bekommst, dann würdest du jedes Salatblatt mit Gold aufwiegen“ meine ich zu meinem Sohn. „Ja“, wendet er ein, „aber du bekommst im Schlaraffenland auch gebratene Hühner, es gibt also Abwechslung“. „Trotzdem“, ich überlege weiter „ich finde es wichtig, die ganz besonderen Köstlichkeiten im Leben nicht jeden Tag zu genießen. Jeden Tag ein 7-Gänge-Menu eines 8-Sterne-Kochs, das ist genauso öde wie täglich ins Theater gehen. Alles, was besonders ist, sollte etwas Besonderes bleiben und nicht alltäglich und jederzeit verfügbar.“ „Aber beten, das machst du täglich, also ist das nichts Besonderes.“ hält mir das Kind entgegen. Stimmt, es gibt Ausnahmen. „Du bist auch besonders, und trotzdem habe ich dich gerne täglich um mich.“ Offenbar kann man die, die man liebt, täglich um sich haben. „Gott liebt mich, und deshalb möchte ich täglich mit ihm sprechen. Und du wärst ja auch traurig, wenn ich dich nur einmal im Monat in den Arm nehme“. „Natürlich“, meint das Kind und nimmt mich in den Arm. „Aber du könntest doch auch im Schlaraffenland nur einmal im Monat Käsekuchen essen.“ Ja, das stimmt. Aber er wäre jederzeit verfügbar, und damit verliert er seine Besonderheit. „Du bist nicht jederzeit verfügbar, weil kein Mensch verfügbar ist. Du gehörst mir nicht wie ein Käsekuchen, du bist ein Geschenk. So wie Gottes Liebe ein Geschenk ist. Im Reich Gottes habe ich nichts, da bin ich - mit dir und mit Gott. „Wow, ich hätte nicht gedacht, dass du bei Käsekuchen so tiefsinnige Gedanken hast“ meint das Kind. „Bekomme ich noch einen Kuss?“ frage ich. „Nö,“ sagt das Kind mit einem Grinsen. Aber dann überlegt er es sich doch noch, und ich stelle fest, dass ich von manchen Menschen tatsächlich nie genug bekommen kann.

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