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SWR2 Wort zum Tag

30AUG2021
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Manchmal will ich alleine sein. Dann ziehe ich mich zurück. Bin nur bei mir. Das ist schön, weil ich es so möchte.

Wenn ich mich aber einsam fühle, ist das etwas anderes. Dann will ich das nicht selbst. Dann bin ich gezwungen nur bei mir zu sein, obwohl ich gerne jemanden bei mir hätte. Das ist nicht schön.

Und es gibt noch ein Drittes, das ist, wenn ich verlassen bin. Wenn jemand aus meinem Leben verschwunden ist. Weil sie oder er gestorben ist oder weil ich einfach nicht mehr gewollt bin. Das tut richtig weh. Und kann das Leben ins Wanken bringen.

Da kann die Gottesbeziehung helfen. Wenn der Glaube so stark ist, dass er wirklichen Halt gibt. Wenn Gott ein Geländer durch die Zeit ist. Wenn die Gottesbeziehung vor der Einsamkeit bewahrt und die Verlassenheit auflöst. Aber das ist dann schon ein starker Glaube, der nicht selbstverständlich ist.

Häufiger stellen die Einsamkeit und noch mehr die Verlassenheit auch den Glauben in Frage. Denn was bringt mir Gott, wenn mich niemand umarmt, niemand anlächelt, niemand nach mir fragt. Wenn die Person, die immer da war, auf die ich mich bezogen habe, weg ist? Da klingt das göttliche Versprechen: „Ich bin da“ wie eine seichte Trostformel. Eine Vertröstung. Ein Marketingkniff der Religion, um mich bei der Stange zu halten. Indem sie einfach behauptet: Du bist nicht verlassen. Obwohl ich es bin.

Ich weiß was Einsamkeit und auch was Verlassenheit ist; und ich kenne den Zweifel an meinem Glauben. Denn der ist nicht so stark, dass ich mich allezeit getragen fühle. Aber er ist stark genug, dass ich mich immer wieder mit ihm und mit Gott auseinandersetze. Ihn befrage.

Und wenn es um das Verlassensein geht, ist da dieser Ruf Jesu am Kreuz: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Der bedeutet mir viel. Der bringt mich weiter. Obwohl es ja überhaupt keine Lösung ist. Ich weiß ja trotzdem nicht was ich tun kann, damit es mir besser geht. Eigentlich beschreibt er nur, was ich gerade selber erlebe. Doch das hilft mir schon. Dass dieser Gott selbst die Verlassenheit kennt, das ist für mich so, als würde er mir die Hand reichen. Es macht ihn für mich berührbar und glaubwürdig. Das löst meine Verlassenheit nicht auf, das bringt mir keinen Menschen zurück. Aber es versetzt mich in einen Zustand, einen gefestigten Zustand, aus dem heraus ich weitermachen kann. Und darum geht es meiner Ansicht nach. Aufstehen und weitergehen.

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