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SWR4 Abendgedanken

15JUN2021
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Beruhigend zu merken, dass man mit dem Alter doch auch klüger wird. Ich habe das gemerkt, als ich auf ein Gedicht von Erich Fried gestoßen bin, dass mich als junge Frau sehr beeindruckt hat. Es hat mich damals aber auch ziemlich erschreckt. Heute, wo ich älter bin, zum Glück nicht mehr. Das Gedicht hat den Titel „Kleines Beispiel“ und es handelt davon, dass man manchmal das Gefühl hat, gar nicht richtig gelebt zu haben.

Auch ungelebtes Leben geht zu Ende
zwar vielleicht langsamer wie eine Batterie
in einer Taschenlampe

Aber das hilft nicht viel:
Wenn man (sagen wir einmal)
diese Taschenlampe
nach so- und so vielen Jahren anknipsen will
kommt kein Atemzug Licht mehr heraus
und wenn Du sie aufmachst
findest Du nur Deine Knochen
und falls Du Pech hast auch diese
schon ganz zerfressen

Da hättest Du genau so gut
leuchten können

Heute höre ich das ziemlich gelassen. Aber früher habe mich gefragt: Bin ich wie die Taschenlampe in diesem Gedicht? Anstatt zu leuchten und mich selbst bemerkbar zu machen, bin ich nicht viel zu zurückhaltend. Ich hatte große Pläne. Die habe ich dann vor mir hergeschoben - und am Ende ist nie etwas daraus geworden. Hat mein Leben nie geleuchtet - und trotzdem sind die Batterien jetzt leer und ausgelaugt?

Heute denke ich: Nein. Ich habe mein Leben nicht verpasst. Im Laufe der Jahre habe ich etwas Wichtiges verstanden: Mein Leben muss nicht außergewöhnlich oder spektakulär sein. Was mein Leben bisher zum Leuchten gebracht hat, das waren ganz alltägliche Dinge: Als ich meinen Schulabschluss geschafft habe. Die Freunde, die mich im Leben begleiten. Etwas ganz Besonderes war die Geburt meiner beiden Nichten. Und ich habe vor Stolz geleuchtet, als ich einer Freundin einen Rat geben konnte, der wirklich geholfen hat.

Heute weiß ich, wie wichtig es ist, das nicht zu übersehen. Meine Tage sind nur dann ungelebt vertan, wenn ich nichts davon bemerke und mir die Freude daran entgehen lasse. Deshalb ärgere ich mich auch nicht mehr so sehr, wenn ich meine großen Pläne vor mir her schiebe. Wenn ich allem hinterher renne, was ich einmal wollte, dann versschwende ich meine Lebensenergie. Und dann bleibt nichts übrig, was leuchten könnte.

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