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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

04MAI2021
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Spazierengehen gehört nicht gerade zu den Sportarten, die als besonders sexy gelten. Vielleicht ist es auch gar keine ‚Sportart‘, sondern einfach – ja, was eigentlich? Man braucht keinerlei Ehrgeiz, keine besondere Kleidung, keine teure Ausrüstung, man kann einfach so losgehen. Man kann es gemeinsam tun, und wenn sich gerade niemand dazu findet, ist es auch allein schön. Bei uns gab es früher so was wie ein Sprichwort: Man kommt immer anders zurück als man losgegangen ist. Damit wollte man sagen: Die Bewegung an der frischen Luft tut einfach gut, sie vertreibt trübe Gedanken, sie macht wach oder wohlig müde, je nachdem, was ich gerade brauche.

Was man immer schon aus der Erfahrung wusste, das nutzt man heute sogar therapeutisch: bei der Behandlung von Depressionen etwa. Das gleichmäßige, gemächliche Gehen, die Eindrücke, die man nebenbei aufnimmt, die Sonne, den Wind, den Regen auf der Haut, die zufälligen Begegnungen, all das scheint unsere Seele zu mögen.

Und es scheint uns auch im Umgang mit anderen friedlicher und versöhnlicher zu machen. Jedenfalls, solange wir gemeinsam gehen. Auch handfeste Konflikte lassen sich in Bewegung leichter lösen, als wenn man sich Aug in Auge gegenübersitzt. Gemeinsam in eine Richtung zu gehen, das ist für die Psyche wohl das Signal: Wir sind gemeinsam unterwegs, und wir haben ein gemeinsames Ziel.

Darauf hätte man vielleicht auch ohne die wissenschaftliche Studie kommen können, über die ich gelesen habe. Es ist das, was wir einfach tun. Weil wir ohne zu überlegen wissen: Wir Menschen sind aufeinander angewiesen, und wir sind miteinander auf dem Weg. So lange wir leben.

Das Gehen ist uns nicht nur körperlich in die Gene gelegt. Auch das Herz weiß, dass es in diesem Leben niemals an sein letztes Ziel kommen wird. Und dennoch muss auch das Herz immer weitergehen, weitersuchen, weitersehnen. Die Bibel sagt, dass es der Schöpfer selbst ist, der uns diese eigenartige Unruhe mitgegeben hat.

Wenn ich unterwegs bin, vielleicht im Wald, oder mir am Abend nur nochmals die Füße vertrete bei einer kleinen Runde um den Block, dann denke ich manchmal an ein Wort aus der Bibel: Zeig mir deinen Weg, Gott, dann soll er auch zu meinem Weg werden. Und ich will ihn gehen, weil ich weiß: du bist treu und wirst mitgehen, alle meine Wege. (Psalm 86,11).

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