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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

06MRZ2021
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„50 ist das neue 30“ – stand auf der Karte, die ich von meiner Tochter zum Geburtstag bekommen habe. „50 ist das neue 30“ – das sollte mich aufmuntern: Hey Papa, so alt bist Du noch gar nicht. Die Aufmunterung war auch nötig. Meine bisherigen runden Geburtstage habe ich eigentlich immer gut verkraftet, aber beim Fünfzigsten war das anders.

Wahrscheinlich macht mir die 50 so viel aus, weil ich mich gar nicht so alt fühle. Gefühlt bin ich seit Jahrzehnten irgendwie immer gleich alt: höchstens 30, eher 20. Und ich vermute fast, das bleibt auch so. Menschen mit 60, 70 oder sogar 80 geht es auch nicht anders. Eine ältere Dame hat mir das neulich bestätigt: Sie fühlt sich überhaupt nicht wie 93, hat sie mir gesagt. – Komisch, dass beim Alter Gefühl und Wirklichkeit so weit auseinander gehen. Man könnte fast sagen, alt werden heißt: der Typ im Spiegel sieht mir immer weniger ähnlich.

In seinen Briefen an die Christen in Korinth vergleicht der Apostel Paulus den menschlichen Körper mit einem Zelt. So ein Zelt wird mit den Jahren auch immer unansehnlicher. Es bekommt Flecken und Risse und wird schließlich unbewohnbar. Das kann ich absolut nachvollziehen.

Aber für Paulus ist das keine Katastrophe. Sterben und Tod sind für Paulus auch schlimm. Aber letztlich, sagt er, ist Sterben so etwas wie ein Umzug: Raus aus dem alten Zelt, rein in einen Neubau bei Gott.

Wie dieser neue Körper genau aussieht, verrät Paulus nicht. Oder besser: Ihm fehlen die Worte. Es wird ein „geistlicher“, „unvergänglicher“, „herrlicher“ Körper, sagt er. Bei mir kommt an: Das neue Leben wird unvorstellbar anders. Es wird unvorstellbar schön. Und: Es ist ein Leben bei Gott und mit Gott. Gott ist die Quelle des Lebens, heißt es in der Bibel. Und deshalb bleibt dieses neue Leben auch. Es vergeht nicht wie das alte.

In gewisser Weise muss mein Körper, den ich jetzt habe, sogar altern und sterben, erklärt Paulus. Er vergleicht das mit einem Samenkorn, zum Beispiel vom Weizen. Nur wenn dieses Korn in die Erde gelegt wird und vergeht, kann etwas Neues, Größeres und Schöneres daraus wachsen.

Ich finde dieser Ausblick passt ganz gut zu meinem Gefühl, jünger zu sein als ich eigentlich bin. Wenn ich Paulus glauben kann, dann liegt ja noch ganz viel Leben vor mir. Die Grübeleien und Bedenken rund ums Älterwerden hören damit nicht schlagartig auf. Aber es kommt ein Schuss Gelassenheit und Heiterkeit dazu.

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