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SWR2 Lied zum Sonntag

28FEB2021
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Leben. Das ist das Thema dieser Woche und Monate. Leben will ich. Leben wollen alle. Welchen Wert das Leben hat, wird im Moment wohl auch deshalb so bewusst, weil es bedroht ist. Aber damit ist noch nicht klar: Wie leben? Eine provozierende Antwort gibt das Lied Wer leben will wie Gott auf dieser Erde.

 

  1. Wer leben will wie Gott auf dieser Erde, muss sterben wie ein Weizenkorn, muss sterben, um zu leben.

 

Was für eine merkwürdige Aussage. Wer kann schon Leben wie Gott auf dieser Erde. In der christlichen Spiritualität ist aber dieser Gedanke bekannt. Der Gedanke, sich auf die Suche nach Gottes Spuren zu machen. Das geht in der christlichen Perspektive, indem man sich auf die Spuren Jesu macht, und das heißt: glaubwürdig den eigenen Glauben lebt. Ein ziemlich aktuelles Thema. Gerade da, wo viele Kirchenvertreter widersprüchlich auftreten: Sie versprechen Aufklärung in Sachen Missbrauch und schaffen es nicht, schließen Frauen systematisch aus, tun sich schwer mit demokratischen Standards. Wie sieht glaubwürdiges christliches Leben da aus?

 

  1. Er geht den Weg, den alle Dinge gehen. Er trägt das Los, er geht den Weg, er geht ihn bis zum Ende.

 

Glaubwürdig den eigenen Glauben leben. Das Lied des niederländischen Priester Huub Oosterhuis gibt eine überraschende Antwort. Leben wie Gott, das heißt, leben wie die Menschen. Nichts auslassen. Eingespannt zwischen Geburt und Tod. Oosterhuis bringt das in ein starkes Bild: Damit der Weizen Frucht trägt, muss er in die Erde fallen wie in ein Grab. Das Weizenkorn braucht alle seine Energie auf, damit ein Trieb wächst, ein Halm, der dann später unzählige Weizenkörner trägt.

 

  1. Der Sonne und dem Regen preisgegeben, das kleinste Korn in Sturm und Wind muss sterben, um zu leben.
  2. Die Menschen müssen füreinander sterben. Das kleinste Korn, es wird zum Brot, und einer nährt den andern.

 

Das Lied Wer leben will wie Gott auf dieser Erde singt Hoffnung in unsere Zeit. Abseits aller Klischees. Ja, sagt das Lied, Leben und Sterben gehören zusammen. Das lässt sich nicht schönreden. Aber so wie aus dem Weizenkorn viele Ähren wachsen und zu Brot werden können, so wächst aus jedem Sterben ein Neubeginn. Und Neubeginn, das ist einer der Namen Gottes. Ein Name, der allen Christen gut steht. Ein Name, der mit dem Leben ernst macht. Und das Leben selbst im Tod ernst nimmt.

 

  1. Den gleichen Weg ist unser Gott gegangen, und so ist er für dich und mich das Leben selbst geworden.

 

Ich finde diesen Glauben immer noch provozierend. Weil er sich um Leid und Tod nicht herumdrückt. Weil er davor aber auch nicht zurückschreckt. Statt Resignation gibt es hier Leben pur. Mit allen Höhen und Tiefen. Und mit der Hoffnung, dass jeder Tod einen Kern für neues Leben enthält.

 

 

Wer leben will

Text: Huub Oosterhuis (1965) / Übertragung: Johannes Bergsma (1969)

Musik: Altniederländisches Volkslied/ Edmond de Coussemaker (1856)

 

Aufnahme:

CD »Huub Oosterhuis, Gesammelte Gesänge – Schola Kleine Kirche Osnabrück 1991-2011«

MIRA 399474, keine LC

CD 2 / Track 03 / 2:38

Orgel: Günther Doetsch; Schola Kleine Kirche Osnabrück; Leitung: Ansgar Schönecker

© Ekklesia Music Publishing, Amsterdam, 2012

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