Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR1 Begegnungen

[begegnungen/trojanow1.jpg]

Muslime und Christen in Deutschland. Nach der Brandkatastrophe in einem türkischen Wohnhaus in Ludwigshafen hat es viele Debatten und heftige Reaktionen gegeben. Wie sieht das Zusammenleben aus? Wie sollte es aussehen? Wie geht das denen, die in beiden Kulturen zu Hause sind? Wie zum Beispiel der Schriftsteller Ilja Trojanow. In seinem neuen Buch »Kampfabsage« rückt er den Propheten eines angeblichen Kampfes der Kulturen die Köpfe zurecht und entlarvt in vielen verblüffenden Beispielen die Unsinnigkeit dieses Kampfes. Dass er damit viele provoziert hat, hat ihn selbst überrascht.

Ich war wirklich erstaunt, weil ich denke, dass das Buch an einigen Stellen frotzelt, zuspitzt, aber die Zuspitzung eher politischer Art sind – wobei eine Zuspitzung ja nicht unbedingt falsch sein muss.


Teil 1
Was braucht eine Gesellschaft als geistige Nahrung für ein friedliches, ein menschliches Miteinander? Welche Haltung, Einstellung? Nach der Brandkatastrophe von Ludwigshafen waren die Klischees in unserem Land schnell wieder auf dem Tisch: Deutsche als mögliche Brandstifter, Türken als die, die sich nicht integrieren wollen. Viele fühlten sich bedroht, auf beiden Seiten übrigens. Sogar das deutsch-türkische Verhältnis galt als angespannt.

Ja sehen Sie, das ist ja genau das Problem, … Es gibt ja, was ich immer wieder zitiere, diesen wunderschönen Satz aus der Advaita-Philosophie des Hinduismus, der sagt: »Den anderen als Feind zu bezeichnen, ist der Beginn von Gewalt.« Und das ist richtig.

Nein, Ilja Trojanow ist kein Hindu. Was der Schriftsteller, Poet, Essayist und Literaturpreisträger da zu mir sagt, das klingt für mich wie ein Wort aus Bergpredigt, wo Jesus sagt, das Gebot „Du-sollst-nicht-töten“ verletzt bereits, wer seinem Bruder zürnt, wer ihn beleidigt und beschimpft (Matthäus 5,22). Gewalt beginnt eben nicht erst, wenn etwas passiert.

Und das ist eines der ganz, ganz großen Probleme der Entwicklung der Menschheit, dass wir erst richtig aufschreien, wenn irgendwo jemand einem anderen Menschen Gewalt antut. Aber die vorbereitende Gewalt, die dazu notwendig ist, und die fängt damit an, dass wir ausschließlich Kategorien aufbauen, dass wir den anderen nur noch als Feind sehen, die ist genauso schlimm, und die müssen wir genauso bekämpfen.

Wer ist Trojanow, was ist sein Geheimnis? Er war Stadtschreiber in Mainz, hatte Gastprofessuren in Berlin und Tübingen. Sein Buch »Der Weltensammler« über den englischen Offizier und Abenteurer Richard Francis Burton wurde ein Bestseller. Ilija Trojanow selbst ist auch ein Weltreisender: Bulgarien, Kenia, München, Kapstadt, Bombay. Er ist christlich getauft. Berührungsängste mit fremden Kulturen und mit anderen Religionen kennt er nicht. Wie kommt das eigentlich?

Also das ist ganz einfach: Die Familie hat alles drin, was man sich vorstellen kann. Der Großvater war ganz früher ganz radikaler Kommunist, ein anderer Verwandter ist einer der bekanntesten Anarchisten Bulgariens. Teil der Familie ist orthodox, der Onkel meiner Großmutter war der Metropolit von Bulgarien. Und ein anderer Teil der Familie ist islamisch.

Eine große Familie, die schon viele „Kulturen“ zusammenbringt und „trotzdem“ miteinander zu leben versteht. Ich ahne, ich verstehe, warum Ilija Trojanow keine Angst vor dem Islam hat.

Ich nehme das ernst. Das heißt, meine Familiengeschichte – abgesehen von meiner eigenen Biographie – bedeutet auch religiöse Vielfalt.

Die ersten sechs Jahre in Bulgarien hat Ilja Trojanow quasi religionslos gelebt, denn die Erwachsenen gingen mit Religion eher heimlich um, aus Vorsicht. Er wird orthodox getauft in einer Kirche, die interessanterweise davor eine Moschee war! Die Familie kann fliehen, Jugoslawien, Italien, sie findet politisches Asyl in Deutschland. Ein Jahr später zieht sie weiter nach Kenia. Für ihn werden das fünf Jahre Kenton College, Religion ist dort ein Hauptfach: kinderfreundlich wird die ganze Bibel durchgemacht. Man musste die Geschichten nacherzählen können; eine starke protestantische Prägung durch die Schule. Zum Studium kommt Ilija Trojanow nach München, Jura und Ethnologie, und entdeckt nun in der Kirche am Salvator-Platz die Schönheiten seiner Kirche, der gesungenen Orthodoxen Liturgie! Und die Welt der Ikonen, das Mystische im Christentum. Wieder ’was Neues! Doch erst später, im Ausland, wird er dann so was wie einen Schlüssel dazu finden.

Teil 2
Bulgarien, Kenia, Bayern – Kindheit, Jugend und Studium: die prägenden Jahre. Ilija Trojanow ist mehrsprachig aufgewachsen und viel gereist. Heute sieht er darin so etwas wie eine Vorbereitung für etwas Besonderes.

All diese Wechselhaftigkeit, diese Brüchigkeit, diese Vielfältigkeit hat für mich keinen wirklichen Sinn ergeben, bis ich nach Indien kam. Und in Indien fügte sich alles. Weil ich in Indien eine Tradition, eine Kultur erlebt habe, die dieses Nebeneinander, Miteinander, dieses Verschmelzen und Vermischen, dieses ins Andere auch zeitweilig Hinübertreten für selbstverständlich erachtet.

Nun hat Ilija Trojanow – zusammen mit Ranjit Hoskoté – ein neues Buch geschrieben, »Kampfabsage« heißt es sinnigerweise. Kulturen bekämpfen sich nicht, sagt er, sie fließen zusammen. »Kampfabsage« ist ein wunderbarer Leitfaden der Kulturgeschichte, ein historisches und hoch aktuelles Kompendium zu so etwas wie einer Nächstenliebe der Kulturen. Und begonnen hat das alles in Indien.

In Indien habe ich erlebt, dass es zum Beispiel in Bombay katholische Feste gibt, also das Fest in Bandra, das Fest der Heiligen Jungfrau, zu dem alle kommen (Mount Mary, Bombay, jeweils am Sonntag nach dem 8. September). Da sieht man wirklich: diese bestimmte Heilige gilt allen als heilig. Und es kommen Hindus, Frauen mit dem roten Punkt, mit dem Tikka auf der Stirn. Es kommen muslimische Frauen oder auch Männer, um dort zu beten. Es gibt ein Sufi-Grabmahl, das im Ozean ist, das Haji Ali Dargha, da gehen auch Leute aller Religionsgemeinschaften hin.
Weil so eine Grundüberzeugung ist, dass das Heilige doch unmöglich nur innerhalb einer Rubrik, innerhalb eines Ghettos, innerhalb eines Systems vorhanden sein kann. Und das ist eigentlich so selbstverständlich und so banal, dass ich, nachdem ich das begriffen habe, und zwar wirklich begriffen habe, also mehr als nur intellektuell erfahren, sondern mit meinem ganzen Sein davon durchdrungen war, erscheint mir jede andere Sicht auf Glauben völlig unverständlich, völlig unverständlich.


Doch wie lässt sich das vermitteln? Ist doch bei uns schon für die katholische Kirche ein gemeinsames Abendmahl derzeit noch undenkbar. Ilja Trojanow hat sich einfach mit dem Glauben der anderen intensiv beschäftigt, hat ihn zeitweise auch praktiziert und herausgefunden, dass da viele falsche Vorstellungen und Feindbilder unterwegs sind, die mit der Realität nicht übereinstimmen. Sein Buch „Kampfabsage“ wird deswegen auch von einigen heftig angegriffen. Reflexartig. „Was, ein positives Buch über den Islam? Das ist ein dämonisches Buch!“

Und das ist das Interessante an der Reaktion: Es gibt ja überhaupt niemand, der behauptet hat bislang, in all den teilweise vernichtenden Kritiken, das sei ja falsch, was wir schreiben! Es hat sich ja niemand hingesetzt und hat behauptet, die Darstellung der judäischen Gefangenschaft in Babylon entspricht nicht dem wissenschaftlichen Stand.

Und dort, in Babylon, dem heutigen Irak, ist zum Beispiel die biblische Schöpfungsgeschichte entstanden, mit der die Bibel beginnt. Dort in der babylonischen Gefangenschaft haben Juden vor 2½ Tausend Jahren den alten kriegerischen, brutalen babylonischen Schöpfungsmythos sanft korrigiert, umgeschrieben – für ihren Gottesdienst: Die Welt ist eben nicht aus Kampf hervorgegangen, sondern Gott hat sie ganz kampflos geschaffen. Sanft. Nur mit Sprache, mit seinem Wort, seinem Geist, mit dem Licht ordnet er das Chaos.
Mit anderen Worten: kulturelle Elemente wie Gedanken und Bilder, Mythen und Legenden, die sich unterscheiden, die kommen immer wieder zusammen und vermischen sich, ändern sich. So entsteht Kultur. Und darum ist Trojanow zu dem Schluss gekommen zu behaupten und zu verkünden: Nein, Kulturen bekämpfen sich nicht. Sie fließen zusammen. Und kann es belegen. Seite um Seite, Geschichte um Geschichte lässt sich das nachlesen und entdecken: Kampfabsage. https://www.kirche-im-swr.de/?m=3204